Siebenter Vortrag

GA 139/1912-09-21/p027 ·1912-09-21 · original (original)
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Wenn unsere Zeitgenossen nur nicht oftmals gar so gedankenlos über manche Dinge hinweglesen wollten! Über eine Stelle bei Nietzsche, die einen tief erfassen, ergreifen, erschüttern kann, liest man leicht heute hinweg. Sie steht in der nachgelassenen Schrift «Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen», worin er Thales, Anaximander, Heraklit, Parmenides, Anaxagoras und Empedokles schildert. Da ist eine Stelle gleich im Anfange - man muß sie nachfühlen -, da hat Nietzsche etwas von dem empfunden, was in den Seelen dieser ersten griechischen einsamen Denker erlebt worden war. Lesen Sie die Stelle bei Nietzsche nach, wo er sagt: Wie mag es gewesen sein in den Seelen dieser philosophischen Heroengestalten, welche den Übergang finden mußten aus der Zeit des lebendigen Anschauens - von dem auch er nichts mehr wußte, das er aber ahnte -, als die alte Lebendigkeit in den Seelen abgelöst wurde durch die abstrakten, trockenen, nüchternen Begriffe, wo das «Sein», dieses nüchterne, trockene, abstrakte, kalte Sein als Begriff trat an die Stelle der vollen Lebendigkeit, die das hellseherische Bewußtsein hatte? Und Nietzsche empfindet: Es ist, wie wenn das Blut einem erstarrte, wenn man übergeht aus der Welt der Lebendigkeit in die Welt der Begriffe bei Thales oder Heraklit, wenn diese Leute Begriffe von «Sein» und «Werden» brauchen, so daß man sich aus dem warmen Werden in die Eisregion der Begriffe versetzt fühlt.

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Cite: GA 139/1912-09-21/p027 · edition original