Das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt I
Sie wissen, daß das hellseherische Hineinschauen in die geistige Welt einen in einer gewissen Beziehung in dieselbe Lage versetzt, in welcher der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ist, so daß innerhalb der Einweihung eben das erlebt wird, was auch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt erlebt wird, wenn auch in etwas anderer Weise. Und damit ist ja überhaupt die Möglichkeit gegeben, über diese Dinge sprechen und etwas darüber mitteilen zu können. Da möchte ich zunächst über zwei wichtige Dinge der hellseherischen Anschauung sprechen, die auch zum Verständnis des Lebens nach dem Tode führen können. Zunächst ist ja schon öfters aufmerksam darauf gemacht worden, wie verschieden das ganze Leben in der übersinnlichen Welt gegenüber dem Leben hier in der physischen, in der sinnlichen Welt ist. Wenn wir in die übersinnliche Welt hinaufkommen, dann ist zum Beispiel schon der ganze Erkenntnisprozeß ein anderer als hier in der physischen Welt. Hier in der physischen Welt, da gehen wir gleichsam durch diese Welt, und die Dinge treten an unsere Sinne heran, die Dinge machen ihre Farben- und Lichteindrücke auf unsere Augen, Gehörseindrücke auf unsere Ohren und andere Eindrücke auf unsere anderen Sinnesorgane. Wir nehmen die Dinge wahr, wir gehen durch die Welt und müssen durch die Welt gehen, wenn wir die Dinge wahrnehmen wollen, und es hilft uns nichts zur Wahrnehmung irgendeines Dinges, das an einem entfernten Orte ist, wenn wir nicht hingehen; kurz, wir müssen uns in der Welt der Sinne regen, wir müssen uns bewegen, wenn wir die Dinge wahrnehmen wollen. Das genau Entgegengesetzte gilt für die Wahrnehmungen in der übersinnlichen Welt. Je ruhiger wir in unserer Seele werden, je mehr wir sozusagen alles von innerer Beweglichkeit ausschließen, je weniger wir irgendein Ding aufsuchen, je weniger wir danach streben können, daß dieses Ding zu uns komme, je mehr wir warten können, desto sicherer tritt die Wahrnehmung des Dinges ein, desto wahrer ist dann die Empfindung, das Erlebnis, das wir von dem Dinge haben können. In der übersinnlichen Welt müssen wir die Dinge an uns herankommen lassen, das ist das Wesentliche. Innere Ruhe, die müssen wir uns erwerben, dann kommen die Dinge an uns heran.
Cite:
GA 140/1912-11-26/p004 · edition original