Das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt I
Kant hat einmal den schönen Ausspruch getan: Zwei Dinge seien es, die ihn ganz besonders erhöben, der bestirnte Himmel über ihm und das moralische Gesetz in ihm. Es ist dieses ein schöner Ausspruch aus dem Grund, den der Okkultismus uns anzeigt. Beide sind ja dasselbe: der bestirnte Himmel über uns und das, was wir als moralisches Gesetz in uns tragen. Denn im Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt wachsen wir hinaus in den Weltenraum, nehmen den gestirnten Himmel in uns auf und tragen dann in der Seele als unsere moralische Verfassung ein Abbild mit des gestirnten Himmels. Hier ist einer der Punkte, wo es in der Tat kaum mehr möglich ist, daß in der Seele die Geisteswissenschaft zu etwas anderem werde als zu einer moralischen universellen Empfindung. Hier ist einer der Punkte, wo sich das, was Theorie scheint, umwandelt in unmittelbares moralisches Leben der Seele, in moralische Impulse der Seele; denn hier fühlt der Mensch alle Verantwortlichkeit gegenüber seinem eigenen Wesen. Hier fühlt der Mensch: Du warst zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in so einer Lage, daß der ganze Kosmos in dein Wesen hereinwirken mußte, und du zogst zusammen das, was du herausgezogen hast in den kleinen physischen Menschenkeim. Du bist verantwortlich dem ganzen Kosmos, du trägst wirklich den ganzen Kosmos in dir. — Hier ist es, wo man etwas fühlt von dem, was anzudeuten versucht worden ist in der «Prüfung der Seele» in dem Monolog des Capesius, wo darauf aufmerksam gemacht wird in der Stelle: «In deinem Denken leben Weltgedanken ...», was für ein bedeutungsvoller Augenblick es ist, wenn die Seele fühlt: Man hat die heilige Verpflichtung, die Kräfte hervorzuholen, die man aus dem Kosmos herausgezogen hat, weil man das den Göttern wieder zurückbringen muss, und wo die Seele erkennt, daß es größte Sünde wäre, diese Kräfte brachliegen zu lassen. Bei diesen konkreten Untersuchungen stellte sich heraus, wie wir in der Tat den ganzen Kosmos in uns aufnehmen und ins Dasein wiederum hereinbringen. Ja, von denjenigen Kräften, die der Mensch in der Tat mit sich herumträgt, sind nur die wenigsten eigentlich solche Kräfte, für die es irgendwelchen Ursprung auf der Erde gibt. Wir betrachten ja den Menschen in bezug auf die Kräfte, die in seinem physischen Leibe wirken, in seinem Ätherleibe walten, in seinem astralischen Leibe und Ich walten. Die Kräfte, die in unseren physischen Leib hereinspielen, kommen uns allerdings unmittelbar von der Erde zu; aber was wir für den Ätherleib brauchen, können wir nicht unmittelbar aus der Erde herausziehen, sondern nur aus den Kräften, die an uns herantraten zwischen dem Tod und der neuen Geburt, wenn wir uns hinausdehnen ins Planetensystem. Und ein Mensch, welcher eine unmoralische Seelenverfassung da hineinbringt, wird nicht die richtigen Kräfte heranziehen können, während er in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durch die Merkursphäre geht. Ein Mensch, der nicht die religiösen Impulse ausgebildet hat, kann nicht die rechten Kräfte in der Venus heranziehen, und so kommt es, daß wir die Kräfte, die wir im Ätherleib brauchen, verkümmert haben können. Hier sehen wir den karmischen Zusammenhang zwischen folgenden und früheren Leben sich ausbilden. Das alles sind Dinge, welche uns zugleich darauf hinweisen, wie die Erkenntnisse, die wir uns verschaffen durch den Okkultismus, zu Impulsen in unserem Seelenleben werden können, und wie wir eigentlich nur zu wissen brauchen, was wir sind, um zu einem immer geistigeren und geistigeren Leben aufzusteigen.
Cite:
GA 140/1912-11-26/p023 · edition original