Das Leben Zwischen Dem Tode Und Einer Neuen Geburt I
Einige — oder die meisten von Ihnen — werden vielleicht von den sogenannten Mediceergräbern wissen in Florenz, von Michelangelo. Es sind Giuliano und Lorenzo de Medici und vier allegorische Figuren. Dabei denkt man sich gewöhnlich nichts Künstlerisches. Stroherne Allegorien, sagt man gewöhnlich. Nun sind ja eigentlich diese sogenannten allegorischen Figuren mit Ausnahme einer nicht recht fertig geworden; aber sie machen trotzdem nicht den Eindruck von Allegorien. In den Reisehandbüchern ist es sehr eigentümlich, daß man hingewiesen wird bei diesen Mediceergräbern auf die eine Seite: da stünde der eine der Mediceer, Lorenzo, auf der anderen der andere, Giuliano. Und die sind genau verwechselt. Der als der Lorenzo angesprochen wird, ist der Giuliano, und der als Giuliano angesprochen wird, ist der Lorenzo. So ist es einmal. Und da steht es fast in allen Kunstgeschichten so — wie es nicht ist. Jedenfalls ist es nicht so, wie es in den Kunstgeschichten und im Baedecker steht. Ich habe mich nicht weiter darum bekümmert, warum es so ist, aber wahr ist es, daß die beiden Figuren immer verwechselt werden. Die Beschreibungen würden gar nicht stimmen, und wahrscheinlich hat man sie einmal umgestellt. Sie stehen jetzt anders als Michelangelo sie gestellt hat. Aber davon will ich nicht sprechen, sondern nur davon, daß da vier allegorische Figuren sind: am Fuße des einen Mediceers die «Nacht» und der «Tag», beim andern die «Morgendämmerung» und «Abenddämmerung». Nun bedenken Sie, ich habe mich gesträubt gegen das, was ich jetzt sagen werde, aber man vertiefe sich wirklich hinein in jede Geste, in alles, was man vor sich hat, und gehe zunächst von der «Nacht» aus, schaue sich diese Figur an, von der die unsinnige Bemerkung in den Büchern steht, daß sie eine Geste hätte, die ein schlafender Mensch nicht einnehmen könnte. Wenn man aber jede Geste und jedes einzelne Glied studiert und dann sich folgende Frage vorlegt: Wie müßte ein Künstler die menschliche Figur darstellen, wenn er darstellen wollte in dem Ausdruck der Figur die größtmögliche Tätigkeit des Ätherleibes, wie sie stattfinden könnte gerade im Schlaf — also eine Lagerung der Glieder der Figur geben wollte, die am besten entspräche dem Moment, da der Ätherleib am allermeisten arbeitet an dem physischen Leib -, dann müßte er das gerade so machen, wie Michelangelo aus seinen künstlerischen Instinkten das gemacht hat. Er hat die Geste, die dem Ätherleib entspricht, hineingeheimnißt in diese «Nacht». Ich behaupte nicht, daß Michelangelo das gewußt hat, aber es ist so.
Cite:
GA 140/1912-11-26/p033 · edition original