Zwischen Tod und neuer Geburt
In was taucht der Mensch unter nach dem Tode? Er taucht unter in geistige Substanz, die da war ohne irdisches Zutun. Nach dem Mysterium von Golgatha muß der Mensch immer untertauchen in das, was durch das Mysterium von Golgatha gekommen ist als die Christus-Substanz der Erde. Wir haben den Christus kennengelernt als Sonnengeist. Vom Sonnenlicht hat sich das Ich einmal emanzipiert. Dann ist der große Sonnengeist auf die Erde heruntergekommen: dadurch taucht das Ich des Menschen unter in die Substanz des Sonnengeistes. Der Mensch erlebt dieses Untertauchen in die Christus-Substanz, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, und dadurch ist der Mensch nach dem Tode in der Lage, Bewußtsein zu entwickeln. In der physischen Natur wird diese Stufe erreicht, wenn die Erde beim Vulkanzustand angekommen ist. Scheint die Sonne von oben auf die Erde herunter, so können wir sagen: die Sonne zaubert das Pflanzenwachstum hervor. Wenn aber die Sonne scheinen würde auf den Erdenplaneten mit ihrer Kraft, das Pflanzenwachstum zu erzeugen, und die Erde wäre unfähig, Pflanzen hervorzubringen, könnte aber das Sonnenlicht zurückstrahlen, dann würde das Sonnenlicht sich nicht verlieren, sondern in den Himmelsraum hinausgehen und übersinnliches Pflanzenwachstum erregen. Das findet nun statt, nicht physisch, aber geistig. Dadurch, daß der Christus sich mit der Erde vereinigt hat, wirkt er so, daß der Mensch, der sich mit ihm verbindet, nach dem Tode die Rückwirkung erlebt von dem, was er hier bewußtseinsmäßig erfaßt hat. So begreifen wir, wie der Mensch gerade auf der Erde sich erwerben muß die Möglichkeit, auch nach dem Tode Bewußtsein entwickeln zu können, und wie er mitbringen muß vom physischen Leibe her die Kräfte, die das Bewußtsein entwickeln. In der griechisch-lateinischen Zeit ist die physische Leiblichkeit am meisten bestrahlt worden. Da hat das Wort Realität gehabt: Lieber hier ein Bettler sein als ein König im Reiche der Schatten. — Damals war das Leben in der Unterwelt ein elendes Dasein. Es war das Leben nach dem Tode vor der Geburt Christi wenig entwickelt. Wir dagegen gehören einer Zeit an, die dadurch merkwürdig ist, daß solche Kraft auf die Leiblichkeit nicht mehr ausgeübt wird. Was der schlafende Mensch ist, geht in der Tat allmählich einem Niedergang entgegen. Seit Christus geht die Leiblichkeit des Menschen dem Untergang zu. Am stärksten war das Vegetabilische entwickelt in der griechischen Zeit; am dürrsten wird die Leiblichkeit am Ziele der Menschheitsentwickelung sein. Anfangs waren die Menschen hellsichtig, die Seele war sehr entwickelt; durch den geistig-seelischen Untergang stieg die Leiblichkeit bis zur Höhe der griechischen Schönheit empor. Aber alles Schönheitsstreben hat gegen die Zukunft hin einen Haken: äußere Schönheit hat keine Zukunft; die Schönheit muß eine innere sein, in ihr muß das Charakteristische sichtbar werden. In demselben Sinn, in welchem sie dem Abdorren entgegengeht, wird die Sonnen- und Monden-Innenheit immer glorreicher werden. Mehr von der Zukunft verstehen jene, die Geist und Seele pflegen durch Geisteswissenschaft, als diejenigen, welche die griechischen Kampfspiele wieder heraufführen wollen. Je mehr der Mensch sein Geistig-Seelisches in Unbewußtheit läßt, einem desto elenderen Schicksal geht er entgegen zwischen Tod und neuer Geburt. Daß der Körper verdorrt, hat mit dem Leben nach dem Tode nichts zu tun; aber wenn der Mensch nichts Geistig-Seelisches entwickelt hat, dann hat er nichts hineinzutragen in die geistige Welt. Je mehr er sich darauf eingelassen hat, sich zu durchdringen mit spirituellem Inhalt, desto besser geht es ihm nach dem Tode. Die Menschen werden immer mehr und mehr lernen, unabhängig zu werden von dem, was an den Leib gebunden ist.
Cite:
GA 140/1913-01-21/p019 · edition original