Die lebendige Wechselwirkung zwischen Lebenden und Toten
Ich will damit etwas sehr Wichtiges aus dem geistigen Leben schildern. Wie man nämlich im physischen Leben immer weiß, was man ansieht, wie man immer weiß: man sieht das oder jenes, man sieht die Rose, man sieht den Tisch — so weiß man im geistigen Leben immer: dies oder jenes Wesen sieht einen an. Man geht durch die geistigen Welten und hat immer das Gefühl: jetzt schauen dich diese Wesen an. Während man in der physischen Welt das Bewußtsein hat, man geht durch die Welt wahrnehmend, hat man in der geistigen Welt das Erlebnis: du wirst jetzt von diesem, dann von jenem gesehen. Man fühlt sich fortwährend Blicken ausgesetzt, die einen zugleich aber zum Entschluß bringen, irgend etwas zu tun. Indem man weiß: man wird jetzt wohlgefällig angesehen oder nicht, damit man etwas tun solle oder nicht, so tut man es oder tut es nicht. Wie man nach einer Blume greift, die einem gefällt, weil man sie gesehen hat, so tut man in der geistigen Welt etwas, weil es irgendein Wesen gerne sieht, wohlgefällig sieht, oder man unterläßt es, weil man nicht aushalten kann den Blick, der hingewendet wird auf diese Tat. Das ist etwas, was man sich durchaus aneignen muß. Man hat dort das Gefühl, daß man selber gesehen wird, wie man hier das Gefühl hat, daß man sieht. Es ist in einer gewissen Weise dort passiv, was hier aktiv ist, wie dort wiederum aktiv ist, was hier passiv ist. — Daraus sehen Sie, daß man sich gewissermaßen ganz andere Begriffe aneignen muß, wenn man in der richtigen Weise Schilderungen aus der geistigen Welt auffassen will. Und Sie werden daher begreifen, wie schwierig es ist, in gewöhnliche Menschenworte zu prägen dasjenige, was man so gerne als Schilderungen der geistigen Welten geben möchte. So werden Sie begreifen, wie notwendig es ist, daß für viele Dinge erst das nötige vorbereitende Verständnis geschaffen werde.
Cite:
GA 140/1913-10-10/p020 · edition original