Die lebendige Wechselwirkung zwischen Lebenden und Toten

GA 140/1913-10-10/p021 ·1913-10-10 · original (original)
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Ich möchte nur noch auf eines aufmerksam machen. Es könnte die Frage entstehen: Ja, warum schildert die geisteswissenschaftliche Literatur so im allgemeinen das, was so unmittelbar nach dem Tode in der geistigen Welt geschieht, was im Kamaloka, was im Geisterlande geschieht, und warum wird so wenig von einzelnen hellsichtigen Einblicken geschildert? Denn es könnte ja jemand leicht glauben, daß man einen einzelnen, bestimmten Toten nach dem Tode leichter beobachten könnte als dasjenige, was im allgemeinen geschildert wird. So ist es nicht. Und um anzudeuten, wie es ist, möchte ich einen Vergleich gebrauchen. Es ist dem richtig entwickelten Hellsehen leichter, die großen Verhältnisse zu überschauen — wie den Durchgang der Menschenseele durch den Tod, wie sie durch Kamaloka in das Devachan hinaufkommt -—, als irgendein einzelnes Erlebnis einer einzelnen Seele zu überschauen. Geradeso, wie es leichter ist, in der physischen Welt dasjenige zu erkennen, was etwa sozusagen unter dem Einflusse der großen Himmelsbewegungen steht, und schwieriger dasjenige, was in einer gewissen Weise unregelmäßig zu den großen Himmelsbewegungen steht. Nun wird jeder von Ihnen für den morgigen Tag leicht voraussagen können, daß die Sonne morgens aufgehen wird und abends wieder untergehen wird. Das wird jeder ungefähr wissen. Was morgen aber für Wetter sein wird, das wird schon weniger genau gewußt werden. So ist es mit dem Hellsehen auch. Die Verhältnisse, die wir gewöhnlich in den Schilderungen über die geistigen Welten geben, sind zu vergleichen mit dem Wissen über den allgemeinen Gang der Himmelskörper; die weiß man zuerst im hellseherischen Bewußtsein. Und man kann immer rechnen darauf, daß die Ereignisse sich im allgemeinen so vollziehen. Die einzelnen Ereignisse aber in dem Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt sind wie die Wetterverhältnisse hier auf der Erde, die selbstverständlich auch gesetzmäßig sind, aber eben schwieriger zu erkennen auch auf der Erde selber; denn man kann ja nicht von jedem Orte wissen, was für ein Wetter an einem anderen Orte ist. So ist es eben nun einmal. Es ist schwierig, hier zu wissen, wie das Wetter in Berlin ist, nicht aber, wie dort die Sonne oder der Mond stehen. Es gehört eine besondere Ausbildung der hellsichtigen Gabe dazu, da es schwieriger ist, das einzelne Leben nach dem Tode zu verfolgen als den allgemeinen Gang der Menschenseele. Und auf dem richtigen Wege erwirbt man sich das Wissen von den allgemeinen Verhältnissen zuerst, und zuallerletzt erwirbt man sich, wenn es durch Schulung errungen wird, dasjenige, was ja am leichtesten scheint. Man kann lange schon sehr richtig sehen in bezug auf Kamaloka und Devachan und es doch außerordentlich schwierig haben, zu sehen, wieviel es auf der eigenen Uhr ist, die man in der Tasche hat. Die Dinge in der physischen Welt sind für die hellseherische Schulung die allerschwierigsten. Gerade das Umgekehrte ist im Erkennenlernen der höheren Welten der Fall. Irrtümern gibt man sich auf diesem Gebiete aus dem Grunde hin, weil ja auch noch ein natürliches Hellsehen vorhanden ist, und dieses zwar unsicher ist, mannigfachen Irrtümern unterworfen ist, aber es kann lange vorhanden sein, ohne daß man den hellsichtigen Blick für die allgemeinen Verhältnisse hat, die in der Geisteswissenschaft geschildert werden, die dem geschulten Hellseher leichter sind.

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Cite: GA 140/1913-10-10/p021 · edition original