Erster Vortrag
Diejenigen von Ihnen, die in diesem Punkte klar sehen werden oder wollen, brauchen nur mein Buch «Das Christentum als mystische Tatsache » zur Hand zu nehmen, dessen Inhalt noch vor der Begründung der «Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft» vorgetragen worden ist. Wer das dort Ausgesprochene im Ernst betrachtet, wird sehen, daß darin im Grunde genommen schon alle die Dinge restlos enthalten sind, die dann später in Anlehnung an die verschiedenen Evangelien besprochen worden sind, und daß das ganze Mysterium von Golgatha, wie es im Laufe der Jahre vorgetragen worden ist, schon in diesem Buche enthalten ist. Aber nichts wäre unberechtigter gewesen, als etwa zu glauben, daß man nun, wenn man das wisse, was in diesem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache » steht, auch eine für die Gegenwart hinreichende Vorstellung von dem Mysterium von Golgatha habe. Die ganzen darauf folgenden Ausführungen waren eben notwendig, die in derselben Linie laufen, die ganz konsequent sich aus dem Embryo dieser geistigen Betrachtung ergeben haben, die in keinem Punkte mit diesem «Christentum als mystische Tatsache» in Widerspruch stehen, aber geeignet waren, immer neue und neue Betrachtungsweisen über das Mysterium von Golgatha zu eröffnen und dadurch immer tiefer und tiefer in dasselbe einzudringen. Dadurch versuchten wir an die Stelle von Begriffen, Theorien und Programmen das unmittelbare lebendige Hineinleben in die spirituellen Tatsachen zu setzen. Und wahrhaftig, wenn man bei alle dem doch immer das Gefühl eines gewissen Mangels hatte — nämlich, daß man nicht immer alles Notwendige geben kann -, so hängt dieser Mangel eigentlich mit etwas zusammen, was auf dem physischen Plan nicht zu ändern ist: mit der Zeit. Es ist eben nicht möglich, alles, was zu sagen ist, in einer bestimmten Zeit zu geben. Daher wurde immer eine Voraussetzung sozusagen an Ihr Gemüt gemacht: die Voraussetzung, Geduld zu haben und abzuwarten, wie nach und nach die Dinge herauskommen. Das soll uns ein Hinweis darauf sein, wie wir auch die Dinge aufzufassen haben, welche ich nun in den nächsten Zeiten zu Ihnen sprechen darf.
Cite:
GA 141/1912-11-05/p007 · edition original