Erster Vortrag
Das weiß jeder, daß, mit Ausnahme einzelner Gebiete des physischen Planes, die Dinge an den Menschen herankommen. Vom Morgen bis zum Abend kommen im wachen Tagesleben die Dinge an uns heran; von Augenblick zu Augenblick bekommen wir immer neue Eindrücke. Nur in den Ausnahmezuständen suchen wir uns die Eindrücke auf, führen das an den Dingen aus, was die Dinge sonst ausführen. Da geraten wir aber schon in das hinein, was Erkenntnissuchen ist. So ist es nicht mit den spirituellen Erkenntnissen. Bei diesen müssen wir alles, was vor unsere Seele treten soll, selber vor diese Seele hinstellen. Während all unser Tun, alles, was in der geistigen Welt durch uns geschehen soll, dadurch geschieht, daß wir die absoluteste Ruhe herstellen, müssen wir unausgesetzt tätig sein, wenn wir wirklich etwas in der geistigen Welt erkennen wollen. Damit hängt es zusammen, daß für manchen, der ja auch gern Anthroposoph sein möchte, dasjenige, was wir aus einer wirklichen Erkenntnis heraus hier betreiben, zu unbequem erscheint. Gar mancher sagt: Bei euch muß man ja alles erst lernen, man muß über alles erst nachdenken, muß sich mit allem beschäftigen! — Aber ohne dieses gelangt man nicht zu einem Verständnis der spirituellen Welten! Man muß seine Seele anstrengen, muß von den verschiedensten Seiten her die Dinge anschauen. Das ist es, worum es sich handelt. Begriffe, die man sich über die höheren Welten erwerben will, muß man sich in langsamer, ruhiger Arbeit erst zimmern. In der physischen Welt müssen wir, wenn wir einen Tisch haben wollen, diesen Tisch durch unsere bewegte Arbeit herstellen. Wenn wir aber etwas in den spirituellen Welten «herstellen» wollen, dann müssen wir die Ruhe, die Art von Ruhe entwickeln, die dazu notwendig ist, daß etwas geschieht; und wenn etwas getan wird, dann tritt es aus dem Dämmerdunkel heraus. Wenn wir aber etwas erkennen wollen, dann müssen wir durch unsere volle Anstrengung die Inspirationen erst zimmern. Zum Erkennen ist notwendig eine Arbeit, eine innerlich tätige Seelenstimmung, ein Gehen von Inspiration zu Inspiration, von Imagination zu Imagination, von Intuition zu Intuition. Da müssen wir alles zusammenfügen, und nichts tritt an uns heran, was wir nicht selber vor uns hinstellen, wenn wir es erkennen wollen. Also gerade im Gegensatze zu allem, was auf der physischen Welt richtig ist, sind die Dinge in der geistigen Welt.
Cite:
GA 141/1912-11-05/p017 · edition original