Erster Vortrag
Als sich mir neuerdings diese Tatsache mit einer ungeheuren Stärke vor das geistige Auge stellte, konnte ich mir wieder eines sagen. Ich habe mich in meinem Leben wahrhaftig viel auch mit Homer beschäftigt und habe mancherlei in den alten Dichtungen Homers zu verstehen gesucht. Aber gerade bei dieser Gelegenheit fiel mir eine Stelle bei Homer ein: da, wo Homer — dessen Hellsehertum von den Griechen ja darin angedeutet ist, daß sie von dem «blinden» Homer sprachen — von dem Reiche spricht, das der Mensch nach dem Tode durchlebt, da nennt er es das «Reich der Schatten, in dem kein Wechsel, keine Veränderung möglich ist». Und da wußte ich neuerdings wieder, wie so viele Dinge in den großen Dichtungen und Oftenbarungen der Menschheit leben, die wir nur richtig erkennen, indem wir sie aus den Tiefen der spirituellen Erkenntnis herausholen. Und manches von dem, was das Erkennen der Menschheit geben soll, wird darauf beruhen, daß die Menschen ihre großen Ahnen, die begnadet waren von dem Hereinleuchten des geistigen Lichtes in ihre Seele, erst in einem neuen Lichte, ja, in einem Lichte des wirklichen Verständnisses sehen. Wie berührt es eine Seele, die dafür empfänglich ist, wenn sie an einem solchen Worte merkt: Dieser alte Seher konnte diese Stelle nur dadurch hinschreiben, daß die Wahrheit der spirituellen Welt in seine Seele hereinleuchtete! — Da beginnt dann die wahre Frömmigkeit gegenüber den göttlich-geistigen Kräften, die durch die Welt und namentlich durch die Herzen und Seelen der Menschen wallen. Da sehen wir erst mit richtigem Frommsein auf das hin, was in der Welt geschieht zur Fortentwickelung und zum Fortschritt. Gar vieles ist im tiefsten Sinne wahr in demjenigen, was jene Menschen, die so begnadet waren wie Homer, geschaffen haben. Im spirituellen Sinne ist es wahr. Aber diese Wahrheit, die einst ein altes, dämmerhaftes Hellsehen unmittelbar erkennen konnte, ist der heutigen Zeit verlorengegangen und muß erst auf dem Wege der spirituellen Erkenntnis wieder erobert werden.
Cite:
GA 141/1912-11-05/p021 · edition original