Vierter Vortrag
In den vorangegangenen Betrachtungen über das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt haben wir gesehen, daß derjenige Teil der menschlichen Wesenheit, welcher beim Durchgang durch die Todespforte den physischen Leib und zum großen Teil den Ätherleib verläßt, also der unvergängliche Teil der menschlichen Wesenheit, ein Leben durchmacht, das seine Kräfte aus der Sternenwelt zieht, und wir haben darauf aufmerksam gemacht, wie diese menschliche Wesenheit aus den Sternengebieten ihre Kräfte zwischen dem Tode und der neuen Geburt zieht. Wir haben darauf aufmerksam gemacht, wie der Mensch mehr oder weniger befähigt wird, in der richtigen Art seine Kräfte aus der Sternenwelt zu ziehen, je nachdem er hier im Erdenleben gewisse moralische oder religiöse Stimmungen entwickelt hat. So konnten wir darauf hinweisen, wie der Mensch zum Beispiel aus dem Gebiete, das seine Kräfte ausstrahlend hat von dem, was man im Okkulten den Merkur nennt, seine richtigen Kräfte zieht durch eine entsprechend ausgebildete moralische Stimmung während des Lebens vor dem Tode, wie er aus dem Venusgebiete die entsprechenden, ihm dann für das weitere Leben, auch für das weitere Leben auf der Erde, notwendigen Kräfte ziehen kann durch ein entsprechendes religiöses Erleben vor dem Tode. Wenn wir diese verschiedenen Gedanken zusammenfassen, die wir bisher vor unsere Seele führen konnten, dann können wir sagen: Greradeso, wie der Mensch, solange er sich seiner Sinne bedient, solange er sich lenken und leiten läßt von dem Verstande, der an das Gehirn als an sein Instrument gebunden ist, mit anderen Worten, wie der Mensch hier während seines Erdendaseins mit den Kräften eben dieser unserer Erde zusammenhängt, so hängt er im Leben zwischen Tod und neuer Geburt mit den Kräften zusammen, die von den Sternenwelten ausstrahlen. Allerdings besteht ein gewisser Unterschied für den gegenwärtigen Menschen in dem Verhältnisse seines Wesens zu den Erdenkräften während des physischen Lebens und in seinem Verhältnisse zu den Sternenkräften zwischen dem Tode und der neuen Geburt. Die Kräfte, welche der Mensch während des Erdenlebens in sein Bewußtsein hereinnimmt, also die Kräfte, die er bewußt während des Erdenlebens erlebt, tragen nicht Wesentliches bei zu alle dem, was der Mensch für seine eigene Wesenheit zum Aufbau, zur Belebung braucht. Es sind Abbauprozesse. Daß dieses der Fall ist, sehen wir ja einfach aus dem Umstande, daß der Mensch während des Schlafes kein Bewußtsein entwickelt. Warum nicht? Er entwickelt einfach aus dem Grunde kein Bewußtsein, weil er nicht Zeuge sein soll desjenigen, was mit ihm während des Schlafes geschieht. Denn während des Schlafes werden die im wachen Leben verbrauchten Kräfte wiederhergestellt. Diese Wiederherstellung seiner verbrauchten Kräfte während des Schlafes soll der Mensch nicht mit ansehen. Dieser ganze Vorgang, der entgegengesetzt ist dem Wachvorgang, wird sozusagen dem menschlichen Bewußtsein verhüllt. Die Bibel hat einen bedeutsamen, tiefen Ausdruck für diese Tatsache. Es ist dies einer von denjenigen Aussprüchen der Bibel, die, wie alle okkulten Grundlagen der religiösen Urkunden, recht wenig verstanden werden. Da, wo es mit Bezug auf das Paradiesesleben heißt: Der göttliche Geist beschloß, daß der Mensch, nachdem er sich dieses oder jenes angeeignet hat, zum Beispiel die Urteilsfähigkeit über Gut und Böse, nicht auch erhalten solle einen Einblick in die Kräfte des Lebens. — Da ist die Stelle, wo in der Bibel aufmerksam gemacht wird, daß der Mensch nicht mit ansehen soll die Wiederbelebung seines Wesens während des Schlafes, überhaupt nicht mit ansehen soll die Wiederbelebung seines Wesens während seines physischen Erdendaseins. Dessen soll er nicht Zeuge sein. Und wenn der Mensch aufwacht, ist der ganze Lebensprozeß eigentlich ein Zerstörungsprozeß, ein Abnutzungsprozeß. Da wird im Menschen eigentlich nichts hergestellt. Wo noch eine eigentliche Belebung, eine Herstellung ist, nämlich in der allerersten Kindheit, da ist auch das Bewußtsein noch dumpf, und der ganze Herstellungsprozeß wird dem Menschen später doch verhüllt, indem er sich nicht mehr an die Zeiten seiner ersten Kindheit zurückerinnert. Also wir können sagen: Für das bewußte Erdenleben bleibt dem Menschen verhüllt, was man Belebungs-, Herstellungsprozesse nennen kann. Es sind Wahrnehmungs-, Erkenntnisprozesse, welche das Bewußtsein des Menschen erfüllen, nicht aber eigentliche Belebungsprozesse.
Cite:
GA 141/1912-12-10/p003 · edition original