Vierter Vortrag

GA 141/1912-12-10/p022 ·1912-12-10 · original (original)
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Aber auch die Erinnerung der griechisch-lateinischen Zeit an die geistigen Wesenheiten der Welt ging allmählich der Menschheit verloren. Und es ist interessant zu sehen, wie sozusagen Stück für Stück des alten Wissens nach der neueren Zeit zu verlorengeht. Die mehr spirituell veranlagten Naturen holten noch immer aus ihren Erinnerungen das Bewußtsein herauf, daß mit alle dem, was physisch als Weltenkörper im Raume ausgestreut ist, geistige Wesenheiten verknüpft sind, so wie wir es heute in der anthroposophischen Wissenschaft wieder darstellen. So findet man noch vieles in dieser Beziehung, man möchte sagen, sogar grandios für seine Zeit dargestellt, bei Kepler. Und je mehr wir der neueren Zeit entgegengehen, desto mehr schwindet auch diese Möglichkeit, die Erinnerung noch zu haben an das, was die Seele erlebt hat im Anblick des Sternenhimmels in der ägyptisch-chaldäischen Zeit. Die Erinnerung, die noch in der griechisch-lateinischen Zeit vorhanden war, auch die schwindet, und immer mehr und mehr rückt die Zeit des Kopernikanismus heran, in der man nur die physischen Weltenkugeln sieht, die durch den Raum eilen. Nur manchmal glänzt, wie gesagt, bei neueren Geistern, indem etwas hereinspielt in das Bewußtsein, noch eine Möglichkeit auf, aus der Konstellation der Sternenwelt von den geistigen Zusammenhängen, von geistigen Vorgängen etwas zu verfolgen, wie es sich zum Beispiel Kepler hat angelegen sein lassen, die Geburtszeit des Jesus von Nazareth aus der Sternenwelt noch selbständig zu berechnen. Das war eine Rechnung, die noch von dem spirituellen Durchdrungensein bei Kepler herrührte; geradeso wie Kepler sich auch darüber klar war, daß aus einer gewissen Sternkonstellation im Jahre 1604 wieder das Heruntergedrücktwerden der alten Erinnerung folgte. Und je mehr wir in die neuere Zeit heraufkommen, desto mehr ist die Menschheit auf das äußere Sinnesvermögen und auf den an das Gehirn. gebundenen Verstand angewiesen, weil in tiefere Schichten des Bewußtseins hinuntergesunken wat, was die Seelen in der Vorzeit erlebt hatten. In allen Ihren Seelen war das einmal vorhanden, was die Seelen erlebt haben, als sie in der Lage waren, dieses lebendige geistige Leben in den Weltenräumen wahrzunehmen. In den Tiefen Ihrer Seelen ist das überall drinnen. Aber es ist heute nicht die Möglichkeit vorhanden, die Seelen nächtlicherweile hinzuführen und ihren Blick zum Beispiel zum Großen Bären zu lenken und auch die Kräfte, die ausgehen vom Großen Bären, die also geistige Kräfte sind, anschaulich zu machen. Das ist so unmittelbar nicht möglich, weil die Schaukräfte, die Wahrnehmungskräfte, tief drinnen sitzen in der Seele. Im nachtschlafenden Zustande erlebt es der Mensch mit dem nach oben hinausgehenden Teile der Aura, aber er ist nicht mit dem Bewußtsein draußen. Deshalb ist das wissenschaftliche Heraufholen der vergessenen Eindrücke der alten Zeiten für die Seelen der Gegenwart das Richtige. Und wie geschieht dieses Heraufholen? So, wie wir es in der Anthroposophie machen! Nichts Neues wird den Seelen gebracht, sondern es wird das heraufgeholt, was die Seelen in früheren Zeiten erlebt haben, was sie in der griechisch-lateinischen Zeit nicht mehr wahrnehmen konnten, aber noch nicht ganz vergessen hatten, was nun ganz vergessen ist, aber wieder heraufgeholt werden kann. So daß Anthroposophie nichts anderes ist als die Anregung zum Heraufholen tief unten in den Seelen sitzender Wissenskräfte. Alle Menschen, welche die Evolution bis in die abendländische Zeit mitgemacht haben, haben in ihren Seelentiefen unten die Vorstellungen, welche durch Anthroposophie angeregt werden sollen, und die anthroposophischen Methoden sind die Anregemittel, um diese in den Tiefen der Seele ruhenden Vorstellungen heraufzuheben.

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Cite: GA 141/1912-12-10/p022 · edition original