Vierter Vortrag

GA 141/1912-12-10/p024 ·1912-12-10 · original (original)
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Wir haben gesehen, daß während der griechisch-lateinischen Zeit die Seele auch im Erdenleben einen gewissen Zusammenhang, ein Wahrnehmungsvermögen hatte für das, was sie damals durchlebte zwischen Tod und neuer Geburt. Das war damals noch nicht in so tiefe Schichten der Seele hineingezogen. Daher war der Unterschied im Bewußtsein auf der Erde und zwischen Tod und neuer Geburt in diesen alten Zeiten kein so großer wie heute. Aber weil die Griechen sich nurmehr erinnern konnten an das, was sie erlebt hatten, deshalb war der Unterschied schon ungeheuer groß. Heute ist die Sache schon soweit gediehen, daß der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt noch ein Bewußtsein entwickeln kann durch eine moralische Seelenstimmung, durch eine religiöse Seelenstimmung, bis zum Hinaufleben in die Venus-Sphäre. Wenn er aber in die Sonnen-Sphäre, und namentlich über die Sonnen-Sphäre hinauskommt, dann fehlt ihm die Möglichkeit, sein Bewußtsein anzufachen, wenn er nicht hier auf der Erde darauf sieht, die in den Tiefen der Seele ruhenden Vorstellungen in das Tagesbewußtsein heraufzuholen. Hier im Erdenleben sieht Anthroposophie so aus wie eine Theorie, wie eine Weltanschauung, der man sich bemächtigt, weil sie einen interessiert. Nach dem Tode ist sie eine Fackel, die einem die geistige Welt von einem gewissen Zeitpunkte an zwischen dem Tode und der neuen Geburt beleuchtet. Und verachtet man sie hier in der Welt, so fehlt einem diese Fackel: dann tritt eine Herabdämpfung des Bewußtseins zwischen Tod und neuer Geburt ein. Spirituelle Wissenschaft zu treiben ist nicht etwa bloß etwas Theoretisches, sondern etwas Lebendiges. Spirituelle Wissenschaft ist sozusagen eine Lebensfackel. Der Inhalt der spirituellen Lehre sind hier Begriffe und Ideen; nach dem Tode sind sie lebendige Kräfte! Aber das gilt eigentlich auch nur für unser Bewußtsein. Denn durch das, was ich im Beginne der heutigen Betrachtung gesagt habe, wird Ihnen klar sein, daß auch schon im Erdenleben die spirituellen Ideen, die wir aufnehmen, belebende Kräfte sind. Nur ist der Mensch nicht Zeuge der belebenden Kräfte, weil ihm die Erkenntnis der belebenden Gewalten verschlossen wird. Nach dem Tode schaut er sie an, ist Zeuge davon. Hier ist Anthroposophie sozusagen eine Art Theorie, und es entzieht sich dem Menschen für das Bewußtsein im Wachzustande das, was spirituell belebend ist, was aber objektiv vorhanden ist. Nach dem Tode ist der Mensch unmittelbar Zeuge, wie die Kräfte, die er mit den spirituellen Lehren während des Lebens auf der Erde aufnimmt, tatsächlich organisierend wirken, belebend, erkräftigend wirken auf dasjenige in seiner Wesenheit, was dann da sein kann, wenn er sich wieder zu einer neuen Verkörperung auf der Erde anschickt.

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Cite: GA 141/1912-12-10/p024 · edition original