DIE DREI WEGE DER SEELE ZU CHRISTUS Erster Vortrag, Stockholm.
Der erste Weg, der durch die Evangelien, braucht hier zunächst nur kurz charakterisiert zu werden. Wir wissen ja alle, daß die Evangelien im Laufe der Jahrhunderte die Herzens- und Seelennahrung geworden sind für unzählige Menschen. Wir wissen auch, wie die aufgeklärtesten, die kritischsten Naturen - und das sind nicht die irreligiösen - beginnen, kein Verhältnis mehr zu haben zu diesem Weg, weil geltend gemacht wird, daß heute aus einem außeren Wissen nicht zu erkennen sei, welche historischen Tatsachen eigentlich hinter dem stehen, was die Evangelien erzählen. Würden die Menschen der vergangenen Jahrhunderte die Evangelien gelesen haben, wie sie heute etwa ein Gelehrter liest, ein Mensch, der durch die heutige naturwissenschaftliche Bildung gegangen ist, es würden die Evangelien nicht die gewaltige Wirkung haben ausüben können, die Lebenswirkung, die von ihnen ausgegangen ist. Nun, wenn die Evangelien nicht so, wie der heutige gebildete Mensch sie liest, in den verflossenen Jahrhunderten gelesen worden sind, wie sind sie dann gelesen worden? - Nachzudenken von vorneherein, was sich zugetragen habe in Palästina im Anfange unserer Zeitrechnung, daran haben die Evangelienleser von früheren Jahrhunderten nicht gedacht, und daran denken auch jetzt noch zahlreiche Evangelienleser nicht. Diejenigen, die beginnen in den Evangelien zu prüfen, was sich vor den Augen der Bewohner von Palästina zugetragen habe im Anfange unserer Zeitrechnung, werden irre an dem historischen Charakter der Ereignisse von Palästina. So haben die Menschen der vorigen Jahrhunderte nicht gelesen. So haben sie gelesen, daß sie wirken ließen auf ihre Seelen ein Bild, wie zum Beispiele die Samariterin am Brunnen, oder Christus seinen Jüngern die Bergpredigt haltend. An die Frage nach der äußeren physischen Realität dachten die Evangelienleser von vorneherein nicht. Wie ihnen das Herz aufging, wie die Empfindungen spielten bei diesen großen, gewaltigen Bildern, das war diesen Menschen die Hauptsache. Dann war ferner die Hauptsache, was im Herzen sich bildete, was sie an Kraft, an Lebenssinn aus diesen Bildern gewannen. Sie fühlten, daß ihnen geistiges Lebensblut, Stärke zufloß aus diesen Bildern. Wenn sie diese Bilder auf ihre Seelen wirken ließen, dann fühlten sie sich stark; sie fühlten, daß sie schwach sein müßten ohne diese Bilder. Und dann fühlten sie lebendige, persönliche Beziehungen zu dem, was in den Evangelien erzählt wird, dann fiel ihnen die Frage nach der historischen Realität nicht weiter auf. Realität waren die Evangelien selber, sie waren als Kraft da, man brauchte nicht zu fragen, woher sie kamen; man wußte, daß Leute sie geschrieben haben nicht mit irdischen Mitteln, sondern mit Impulsen aus den geistigen Welten. Ich behaupte nicht, daß man nun heute auch so fühlen muß - was man muß, hängt ab von der Entwickelung der Menschheit -, sondern ich behaupte, daß das Fühlen der Menschen so war durch die Jahrhunderte hindurch.
Cite:
GA 143/1912-04-16/p007 · edition original