DIE DREI WEGE DER SEELE ZU CHRISTUS Erster Vortrag, Stockholm.
Wenn ich einen einfachen Vergleich gebrauchen darf, so könnte ich sagen: Nehmen wir an, ein Mensch habe sich Aufklärung verschafft über eine Sache. Mit dieser Aufklärung begegnet er einem zweiten Menschen und beginnt mit diesem zu sprechen. Er will zunächst gar nicht voraussetzen, daß der andere etwas davon weiß, wovon er sich Aufklärung verschafft hat; aus dem Gespräch merkt er aber: der weiß das ebensogut wie ich. Was ist dann vernünftig, anzunehmen? Das Vernünftige ist, anzunehmen, daß der andere sich aus denselben oder ähnlichen Quellen Aufklärung verschafft hat. So geht es auch mit den Evangelien. Wir können das tun, von welchem Standpunkte wir auch immer an die Evangelien herankommen. Es könnte eine Gesellschaft begründet werden von Menschen, die in der geschilderten Art Leser der Evangelien sind. Dann könnten in einer solchen Gesellschaft auch solche sein, die von vorneherein ganz Gegner der Evangelien sind und die sagen: Prüfen wir diese Evangelien nach den Methoden der äußeren Wissenschaft, so finden wir, daß diese Evangelien viel später geschrieben sind als die Ereignisse von Palästina geschehen sein können; die Berichte widersprechen einander, kurz, diese Evangelien können nicht als historische Urkunden gelten. - Solche Menschen könnten auch da sein in einer solchen Gesellschaft und man könnte doch sagen: Gut, lassen wir die Evangelien zunächst in Ruhe, aber forschen wir in den übersinnlichen Welten! - Und treiben wir wahr-hafte Geistesforschung, gewinnen wir wahrhafte übersinnliche Erkenntnisse, so würden wir finden können, daß im Laufe der Menschheitsentwickelung einmal eingetreten ist ein gewaltiger Impuls, der aus den geistigen Welten heraus als Impuls in die Menschheitsentwickelung eingeschlagen hat, von dem Ungeheures ausgegangen ist für die Menschheitsentwickelung, und dann würden wir sehen, daß dieser Impuls zunächst ergriffen hat einen besonders dazu geeigneten Menschen im Beginne unserer Zeitrechnung. Dies alles und viele andere Erkenntnisse, die sich angliedern an diese Erkenntnis und die wir nur aus übersinnlicher Forschung schöpfen, wir würden sie haben und es könnten sie diejenigen, die von den Evangelien nichts wissen wollen, ebenso wie die anderen haben. Dann kann man an die Evangelien herangehen und sagen: Nun gut, wir haben uns zunächst gar nicht bekümmert um diese Evangelien; merkwürdig, wenn wir sie vorsichtig lesen, dann sehen wir, daß darinnen ist, was wir unabhängig von ihnen auf geisteswissenschaftlichem Felde finden. Jetzt erkennen wir ihren Wert von ganz anderer Seite her. - Dann sind wir uns klar darüber, daß das nicht anders sein kann, daß diejenigen, die die Evangelien geschrieben haben, aus derselben Quelle schöpfen, die sich nun öffnet durch die spirituelle Bewegung für die Menschheit. Das ist gerade dasjenige, vor dem wir stehen, das immer mehr kommen wird, das sich Geltung verschaffen wird für die Schätzung der Evangelienurkunden. Wenn das so ist, so müssen wir sagen: Die Menschen werden auf anderen Wegen das finden können, was aus diesen Urkunden erkannt werden kann. Und so beginnen uns diese Erkenntnisse immer mehr und mehr heilig zu werden durch die spirituellen Erkenntnisse der Gegenwart. Sie wirkten schon durch die Kraft der Evangelien. Weil die Evangelien durchtränkt sind mit den heiligsten Erkenntnissen, den geistigsten Impulsen der Menschheit, darum wirkten sie auch da, wo man sie naiv hinnahm. Geistige Erkenntnisse wirken nicht nur abstrakt, nicht nur in der Theorie, sondern da, wo sie sind, wirken sie als Lebenskraft, als seelisches Lebensblut. Und immer mehr und mehr wird man erkennen, wie Trost und Kraft und Sicherheit aus diesen Erkenntnissen fließen.
Cite:
GA 143/1912-04-16/p009 · edition original