{"corpus":"steiner","locus":"GA 143/1912-04-16/p013","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Dieser Tatsache können wir eine andere entgegensetzen, nämlich die, daß wir in den ersten Lebensjahren, bei normalem Bewußtsein, uns förmlich ins Leben hineinträumen, hineinschlafen, und daß erst von einem bestimmten Zeitpunkte an das Leben so verläuft, daß die eigene Erinnerung beginnt. Von dem, was vor diesem Zeitpunkte war, können uns die Eltern oder ältere Geschwister erzählen; von diesem Zeitpunkte an sagt der Mensch in der inneren Seele: Ich bin dieser, der ich bin. - Von da an, wo er sagt: Ich habe das getan, ich habe das gedacht -, rechnet der Mensch seelisch sein Ich. Was vorher war, verliert sich in Seelendämmerung. Unsere Erinnerung reicht nur bis zu diesem charakterisierten Zeitpunkte. Was liegt denn dann vor, wenn wir die beiden Tatsachen zusammenhalten: Diejenige, daß der eigentliche Ich-Träger des Menschen geboren wird im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahre, mit derjenigen, daß wir uns seelisch als ein Ich bezeichnen vom dritten und vierten Jahre an? Da liegt vor, daß der Mensch im gegenwärtigen Zyklus seiner Entwickelung über sich selbst ein Meinen, ein Gefühl hat, das nicht seiner inneren Organisation, so wie diese geworden ist, entspricht. Denn das Bewußtsein des Ich tritt mit dem dritten und vierten Jahre auf, die Organisation für das Ich aber erst im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahr. Diese Tatsache ist von fundamentaler Wichtigkeit für das Verstehen des Menschen. Wenn man diese Tatsache abstrakt hinstellt als geisteswissenschaftliche Erkenntnis, dann wird man darüber nicht besonders aufgeregt sein; aber weil diese Tatsache wahr ist, sind zahlreiche Erlebnisse vorhanden, die der Mensch sehr gut kennt, aber nicht im Lichte dieser Tatsache schaut. Alles, was der Mensch erleben kann an Zwiespalt zwischen äußerlicher Organisation und innerer Erfahrung, an Leiden und Schmerzen im Leben dadurch, daß ihm gewisse Dinge vermöge seiner Organisation nicht möglich sind, an Disharmonie zwischen dem, was er wünschen und wollen und dem, was er ausführen kann, die Tatsache, daß er Ideale haben kann, die über seine Organisation hinausführen, all das führt zurück auf die Tatsache, daß das Bewußtsein unseres Ich einen ganz anderen Weg geht als der Träger unseres Ich. In dieser Hinsicht sind wir ein zweifacher Mensch: ein äußerer Mensch, der darauf hinorganisiert ist, seine Ichheit im zwanzigsten oder einundzwanzigsten Jahre zu entwickeln, und ein innerer Seelen-mensch, der sich schon im vierten und fünften Jahre auf sein Seelen-leben hin von seiner äußeren Organisation emanzipiert. Emanzipation des Ich-Bewußtseins von der äußeren Organisation findet statt im Kindesalter. Wir machen in unserer Seele etwas durch, was von unserer äußeren Organisation unabhängig verläuft, was sogar in herben Widerspruch kommen kann mit unserer äußeren Organisation. Wir sind in bezug auf das innere Bewußtsein des Ich geneigt, außer acht zu lassen unsere Organisation, das, was unten in unseren Leibern ist. Seelisch entwickeln wir uns ganz anders als unsere Leiber sich entwickeln.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"DIE DREI WEGE DER SEELE ZU CHRISTUS Erster Vortrag, Stockholm.","site_heading":null,"date":"1912-04-16","location":null,"word_count":454,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/143/1912-04-16/p013","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/143/1912-04-16/p013"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/143/1912-04-16/p013","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}