{"corpus":"steiner","locus":"GA 143/1912-05-08/p004","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"> «Eleusis»\n> *An Hölderlin*\n> Um mich, in mir wohnt Ruhe. Der geschäft’gen Menschen  \n> Nie müde Sorge schläft. Sie geben Freiheit  \n> Und Muße mir. Dank dir, du meine  \n> Befreierin, o Nacht! - Mit weißem Nebelflor  \n> Umzieht der Mond die ungewissen Grenzen  \n> Der fernen Hügel. Freundlich blinkt der helle Streif  \n> Des See’s herüber.  \n> Des Tags langweil’gen Lärmen fernt Erinnerung,  \n> Als lägen Jahre zwischen ihm und jetzt.  \n> Dein Bild, Geliebter, tritt vor mich,  \n> Und der entfloh’nen Tage Lust. Doch bald weicht sie  \n> Des Wiedersehens süßern Hoffnungen.  \n> Schon malt sich mir der langersehnten, feurigen  \n> Umarmung Szene; dann der Fragen, des geheimern,  \n> Des wechselseitigen Ausspähens Szene,  \n> Was hier an Haltung, Ausdruck, Sinnesart am Freund  \n> Sich seit der Zeit geändert; - der Gewißheit Wonne,  \n> Des alten Bundes Treue, fester, reifer noch zu finden,  \n> Des Bundes, den kein Eid besiegelte:  \n> *Der freien Wahrheit nur zu leben,*  \n> *Friede mit der Satzung,*  \n> *Die Meinung und Empfindung regelt, nie, nie einzugehn!*  \n> Nun unterhandelt mit der trägen Wirklichkeit der Sinn,  \n> Der über Berge, Flüsse, leicht mich zu dir trug.  \n> Doch ihren Zwist verkündet bald ein Seufzer und mit ihm  \n> Entflieht der süßen Phantasien Traum.\n> Mein Aug’ erhebt sich zu des ew’gen Himmels Wölbung,  \n> Zu dir, o glänzendes Gestirn der Nacht!  \n> Und aller Wünsche, aller Hoffnungen  \n> Vergessen strömt aus deiner Ewigkeit herab.  \n> Der Sinn verliert sich in dem Anschaun,  \n> Was mein ich nannte, schwindet.  \n> Ich gebe mich dem Unermeßlichen dahin.  \n> Ich bin in ihm, bin alles, bin nur es.  \n> Dem wiederkehrenden Gedanken fremdet,  \n> Ihm graut vor dem Unendlichen, und staunend faßt  \n> Er dieses Anschauns Tiefe nicht.  \n> Dem Sinne nähert Phantasie das Ewige.  \n> Vermählt es mit Gestalt. - Willkommen, ihr,  \n> Erhab’ne Geister, hohe Schatten,  \n> Von deren Stirne die Vollendung strahlt,  \n> Er schrecket nicht. Ich fühl’, es ist auch meine Heimat  \n> Der Glanz, der Ernst, der euch umfließt.\n> Ha! Sprängen jetzt die Pforten deines Heiligtums,  \n> O Ceres, die du in Eleusis throntest!  \n> Begeistrung trunken fühl, ich jetzt  \n> Die Schauer deiner Nähe,  \n> Verstände deine Offenbarungen.  \n> Ich deutete der Bilder hohen Sinn, vernähme  \n> Die Hymnen bei der Götter Mahle,  \n> Die hohen Sprüche ihres Rats. Doch deine Hallen sind verstummt, o Göttin!  \n> Geflohen ist der Götter Kreis in den Olymp  \n> Zurück von den entheiligten Altären,  \n> Geflohn von der entweihten Menschheit Grab  \n> Der Unschuld Genius, der her sie zauberte.  \n> Die Weisheit deiner Priester schweigt. Kein Ton der heil’gen Weih’n  \n> Hat sich zu uns gerettet, und vergebens sucht  \n> Der Forscher Neugier mehr, als Liebe  \n> Zur Weisheit. Sie besitzen die Sucher und verachten dich.  \n> Um sie zu meistern, graben sie nach Worten,  \n> In die dein hoher Sinn gepräget wär”.  \n> Vergebens! Etwas Staub und Asche nur erhaschen sie,  \n> Worein dein Leben ihnen ewig nimmer wiederkehrt.  \n> Doch unter Moder und Entseeltem auch gefielen sich  \n> Die Ewigtoten, die Genügsamen! - Umsonst! es blieb  \n> Kein Zeichen deiner Feste, keines Bildes Spur.  \n> Dem Sohn der Weihe war der hohen Lehren Fülle,  \n> Des unaussprechlichen Gefühles Tiefe viel zu heilig,  \n> Als daß er trock’ne Zeichen ihrer würdigte.  \n> Schon der Gedanke faßt die Seele nicht,  \n> Die außer Zeit und Raum in Ahnung der Unendlichkeit  \n> Versunken, sich vergißt und wieder zum Bewußtsein nun  \n> Erwacht. Wer gar davon zu andern sprechen wollte,  \n> Spräch’ er mit Engelzungen, fühlt der Worte Armut.  \n> Ihm graut, das Heilige so klein gedacht,  \n> Durch sie so klein gemacht zu haben, daß die Red’ ihm Sünde deucht,  \n> Und daß er bebend sich den Mund verschließt.  \n> Was der Geweihte sich so selbst verbot, verbot ein weises  \n> Gesetz den ärmern Geistern, das nicht kund zu tun,  \n> Was sie in heil’ger Nacht gesehn, gehört, gefühlt.  \n> Daß nicht den Bessern selbst auch ihres Unfugs Lärm  \n> In seiner Andacht stört’; ihr hohler Wörterkram  \n> Ihn auf das Heil’ge selbst erzürnen machte, dieses nicht  \n> So in den Kot getreten würde, daß man dem  \n> Gedächtnis gar es anvertraute, daß es nicht  \n> Zum Spielzeug und zur Ware der Sophisten,  \n> Die er obolenweis verkaufte,  \n> Zu des beredten Heuchlers Mantel, oder gar  \n> Zur Rute schon des frohen Knaben und so leer  \n> Am Ende würde, daß er nur im Widerhall  \n> Von fremden Zungen seines Lebens Wurzel hätte.  \n> Es trugen geizig deine Söhne, Göttin,  \n> Nicht deine Ehr’ auf Gass’ und Markt, verwahrten sie  \n> Im innern Heiligtum der Brust.  \n> Drum lebtest du auf ihrem Munde nicht.  \n> Ihr Leben ehrte dich. In ihren Taten lebst du noch.\n> Auch diese Nacht vernahm ich, heil’ge Gottheit, dich.  \n> Dich offenbart oft mir auch deiner Kinder Leben,  \n> Dich ahn ich oft als Seele ihrer Taten!  \n> Du bist der hohe Sinn, der treue Glauben,  \n> Der einer Gottheit, wenn auch alles untergeht, nicht wankt.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Vorverkündigung und Heroldtum des Christus-Impulses Der Christus-Geist und seine Hüllen: eine Pfingstbotschaft","site_heading":null,"date":"1912-05-08","location":null,"word_count":838,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/143/1912-05-08/p004","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/143/1912-05-08/p004"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/143/1912-05-08/p004","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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