Vorverkündigung und Heroldtum des Christus-Impulses Der Christus-Geist und seine Hüllen: eine Pfingstbotschaft
Und heute! Heute können die Leute Protestanten oder Katholiken oder sonst etwas sein, in allen Gemütern wirken Raffaels Bilder. Man kann sehen, wie in der Sixtinischen Madonna ein großes kosmisches Mysterium sich in die Menschenherzen hineinprägt, und man wird in Zukunft darauf fortbauen können - wenn die Menschheit geführt sein wird zu einem interkonfessionellen, weiten und umfassenden Christentum, das heute schon die Geisteswissenschaft darstellt -, man wird fortbauen können darauf, daß auf die menschlichen Gemüter etwas so wunderbar Mysterienhaftes gewirkt hat wie die Sixtinische Madonna. Öfters ist von mir schon hingewiesen worden darauf, daß, wenn der Mensch Kindern ins Auge schaut, er wissen kann, daß aus dem kindlichen Auge etwas herausschaut, was nicht durch die Geburt ins Dasein getreten ist, was menschliche Seelentiefen herausschauen läßt. Wer die Kinder auf den Madonnenbildern von Raffael anschaut, der sieht, daß aus seinen Kinderaugen herausschaut das Göttliche, das Verborgene, das Übermenschliche, das mit dem Kinde in den ersten Zeiten nach der Geburt noch verbunden ist. Das kann man auf allen Kinderbildern Raffaels beobachten, mit Ausnahme eines einzigen. Ein Kindesbild wird man nicht so deuten können, und das ist das Jesuskind der Sixtinischen Madonna. Wer diesem Kinde ins Auge schaut, der weiß, daß mehr, als was in einem Menschen sein kann, schon aus dem Auge dieses Kindes herausschaut. Diesen Unterschied hat Raffael gemacht, daß in diesem einzigen Kinde der Sixtinischen Madonna etwas lebt, was ein rein Geistiges, ein Christushaftes schon im voraus erlebt.
Cite:
GA 143/1912-05-08/p020 · edition original