Zur Synthese der Weltanschauungen Eine vierfache Heroldschaft

GA 143/1912-05-16/p017 ·1912-05-16 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Und wie sprachen diese Dinge zu den Menschen? Ja, sie sprachen höchst eigentümlich. Sie wissen, daß sich in Dresden eines der herrlichsten Werke Raffaels befindet: die Sixtinische Madonna. Die Menschen, die kurz denken, denken vielleicht, das sei ein Bildwerk, das wie ein Sieger eingezogen sei in Deutschland. Auf Goethe machte es gar keinen Eindruck, weil er gehört hatte, wie man allgemein dachte über dieses Werk. Goethe war als junger Mann auch noch nicht so sicher im Urteil wie im Alter und war noch zugänglich dem, was die Leute sagten. Was erzählten ihm die Museumsbeamten in Dresden? Nun, daß das Kind in seinem ganzen Ausdruck eben gemein sei, daß die Madonna von einem Stümper übermalt sei, daß die kleinen Putten unten von irgendeinem Handlanger dazugemalt seien. Das war noch die Stimmung der Sixtinischen Madonna gegenüber, als Goethe als junger Mensch nach Dresden kam. Aber sehen wir, wie es jetzt ist. Fassen wir ins Auge, was Raffael eigentlich den Menschen geworden ist! Raffael wirkte ja in Rom in einer Zeit, in der über religiöse Dogmen viel gestritten wurde. Die Art, in der Raffael die christlichen Geheimnisse malt, ist interkonfessionell. Wenn wir die späteren großen italienischen Maler nehmen, da sehen wir die religiösen Geheimnisse so gemalt, daß wir erkennen: das ist das Christentum der lateinischen Rasse. Raffael malt so, daß wir es mit über den Völkern stehenden allgemeinen Wiedergaben christlicher Geheimnisse zu tun haben. Darum sehen wir, wie in kurzer Zeit die Sixtinische Madonna selbst in protestantischen Gegenden sich in die Seelen einlebt. Und wenn Anthroposophie wirken soll für das Verständnis der christlichen Mysterien, wird sie in denjenigen Seelen am besten Eingang finden, in denen die Empfindungen leben, welche gewonnen sind an Bildern wie die Sixtinische Madonna, in denjenigen Seelen, die auf diese Weise vorbereitet sind. Und wenn wir heute davon sprechen, daß das Christentum erst im Anfang seiner Entwickelung ist, daß es erst durch den spirituellen Schlüssel, den die Anthroposophie zu geben vermag, seine wahre Gestalt erhalten wird, dann wissen wir, daß diesem Christentum gegenüber wie ein Herold dasteht Raffael.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/143/1912-05-16/p017.json
Cite: GA 143/1912-05-16/p017 · edition original