Zweiter Vortrag
Wenn wir im gewöhnlichen physischen Leben unsere Blicke hinausrichten in das Naturgeschehen, selbst wenn wir hinaufgehen bis ins Tierreich, sind wir uns immer bewußt, daß wir dabei nach Naturgesetzen, nach bloßen Naturgesetzen für das Geschehen fragen, daß wir aber eigentlich keine moralischen Maßstäbe anlegen können. Wir fragen zum Beispiel nicht, warum ein Bergkristall gerade in einer solchen Weise vor uns hintritt, daß wir eine sechsseitige Säule haben, durch zwei sechsseitige Pyramiden abgeschlossen, wir fragen nicht, warum sich diese mineralische Substanz so zusammenfügt, daß diese Kristallgestalt herauskommt. Anders fragen wir nicht, als daß wir ein Naturgesetz zur Antwort haben wollen. Wir fragen nicht: Was hat der Bergkristall Gutes getan, daß er gerade ein Bergkristall geworden ist? Wir fragen nicht: Wie ist der Bergkristall gesinnt? Wir wenden die moralische Gesetzmäßigkeit nicht auf die mineralische Welt an, wir wenden sie auch nicht auf die Pflanzenwelt an, und höchstens in einer etwas übertragenen Weise - und man möchte sagen, nach den Sympathien moderner, darwinistisch gesinnter Leute wenden wir die Moralbegriffe auch auf das Tierreich an. Aber was uns auch beim Tierreich zuerst interessiert, ist die Naturgesetzlichkeit.
Cite:
GA 144/1913-02-04/p005 · edition original