Zweiter Vortrag
Es gibt viele nationalökonomische Theorien. Ich will über dieselben jetzt nicht sprechen. Aber da gibt es zum Beispiel jene nationalökonomische Theorie, die heute schon vielfach verlassen ist, aber die einmal eine große Rolle gespielt hat, die darauf gebaut ist, daß alle Menschen doch im Grunde genommen frei zu konkurrieren suchen im Austausch der Güter und dergleichen und daß die beste Art, sozial zusammenzuleben, eben die wäre, wenn eine vollständig freie Konkurrenz stattfände. Andere, mehr sozialistische Theorien haben dann Platz gegriffen. In der letzten Zeit haben aber einige Nationalökonomen darauf aufmerksam gemacht, daß man eigentlich mit all diesen Theorien doch nur höchst einseitig vorgehe. Denn was in der Welt im Austausch der Güter, im sozialen Zusammenleben geschieht, das unterliege viel mehr als dem Konkurrenzgesetz oder dem Gesetz, fortschreiten zu wollen, ja, mehr sogar als den Gesetzen des bewußten Egoismus, dem Gesetze der Bequemlichkeit! Also sogar in die Nationalökonomie hält die Erkenntnis von dem Gesetz der Bequemlichkeit den Einzug. Das ist ganz anzuerkennen, daß man sogar auch auf einem solchen Gebiete einmal recht vernünftig wird und auf etwas aufmerksam macht, was da ist, und was man nur übersehen kann, wenn man dem Leben gegenüber eine Vogel-Strauß-Politik spielt.
Cite:
GA 144/1913-02-04/p012 · edition original