Zweiter Vortrag
Also ganz bestimmte Gefühle und Empfindungen bleiben einem schon, die man, wenn man ein Seher geworden ist, sich gegenüber hat. Man ist gewissermaßen auch für die physische Welt ein anderer . Mensch geworden. Aber man muß, damit einen das nicht schädigt, gewissermaßen diese neuen Gefühle und Empfindungen auch auf Dinge anwenden in der äußeren physischen Welt, die man früher gar nicht berücksichtigt hat, auf die man früher gar nicht aufmerksam gewesen ist. Dann wird man, wenn man Seher geworden ist und gewisse Gefühle und Empfindungen in sich herangezüchtet hat, seine Verhältnisse zur Natur nach und nach — nicht im schlimmen, sondern gerade im guten Sinne — etwas verändert finden. Man wird sich in anderer Weise zum Beispiel der Pflanzenwelt, dem sich ausbreitenden Pflanzenteppich der Erde gegenüber fühlen, als man sich früher ihm gegenüber gefühlt hat. Man hat früher die Pflanzen angeschaut, war entzückt über ihr Grünen, war entzückt über die Blütenfülle und Blütenfärbung, über alles, was einem die Pflanzenwelt eben darbot, insofern sie aus der Erde herauswächst und das Auge und vielleicht auch andere Sinne entzückt. Denken wir nicht an irgendeinen Nüchterling in dieser Beziehung, sondern an einen Menschen, der wirklich genießen kann in vollen Zügen, was die Schönheit der Pflanzendecke der Erde in der Seele bewirken kann; und denken wir nicht daran, daß irgend jemand, der Seher geworden ist, auch nur im geringsten Maße etwas einbüßen müßte von den Gefühlen, die er vorher der Pflanzendecke der Erde gegenüber gehabt hat. Aber etwas anderes entsteht in ihm. Es entsteht das Gefühl, wenn er sich nun der Pflanzenwelt gegenüber sieht, einer gewissen innigen Verwandtschaft der Pflanzenwelt mit dem, was außerhalb der Pflanzenwelt in der Natur ist: mit der Sonne, auch mit dem Mond und mit der anderen Sternenwelt. Es wächst ihm gewissermaßen für sein Empfinden, für sein Anschauen zusammen, was da als grüner Pflanzenteppich sich ausbreitet, mit dem, was im Weltall ist.
Cite:
GA 144/1913-02-04/p017 · edition original