Zweiter Vortrag
Von der Pflanze wissen wir, daß sie nicht in beliebiger Weise, durch ihre eigenen Innenverhältnisse etwa, einschlafen kann: sie muß warten, bis die Sonne am Abend hinuntersinkt, oder sie muß warten, bis der Herbst kommt. Vom Menschen wissen wir, daß er in unserer Zeit, und besonders in unseren Kulturverhältnissen, sich gar nicht mehr nach der Sonne richtet. Wir könnten zum Beispiel gar nicht hier zusammen sein, wenn wir uns ebenso wie die Pflanze nach dem Sonnenstande richten müßten. Beim Menschen ist derselbe Übergang, der bei der Pflanze noch streng geregelt ist durch den Sonnen- und Sternengang, emanzipiert von Sonnen- und Sternengang. Zwar wenn wir hinauskommen in ländliche, ursprüngliche Verhältnisse und gewahr werden, wie nicht nur die Hühner, sondern auch die Menschen auf dem Dorfe zur bestimmten Zeit schlafen gehen und zur bestimmten Zeit aufwachen, so fühlen wir da noch etwas, man möchte sagen, wie pflanzenhaftes Zusammenhängen der Menschen mit dem Gange der Sonne und der Sterne. Aber wir können es nicht anders beurteilen, als daß im Laufe der Menschheitsentwickelung der Mensch sich emanzipiert von dem kosmischen Gang der Ereignisse, daß er mit seinem physischen Leib und Ätherleib in jenen Zustand, in den die Pflanze nur durch den Sonnen- und Sternenstand kommt, aus inneren Verhältnissen heraus kommen kann, ich will nicht sagen aus der inneren Willkür heraus. Der Mensch kann seinen «Nachmittagsschlaf» machen aus seinen eigenen inneren Verhältnissen heraus, das heißt, er kann aus seinem physischen Leib und Ätherleib herauskommen. Die Pflanze kann nicht in einer beliebigen Weise einen Nachmittagsschlaf machen, sie muß sich ganz nach dem Gang der Sterne richten. Der Mensch aber, was ist er denn, wenn er im Bette liegt als physischer Leib und Ätherleib, und heraußen sind sein Ich und sein astralischer Leib? Physischer Leib und Ätherleib haben dann den Wert der Pflanze. Die Pflanze hat physischen Leib und Ätherleib. Wenn wir nun alles, was jetzt gesagt ist, zusammenhalten, so werden Sie sagen: Habe ich eine Pflanze vor mir, dann wächst allmählich die Pflanze zusammen mit Sonnen- und Sternenwelt, wird eins damit. Man muß also die Empfindung hinlenken von der Pflanze zu den Sternenwelten, zur Sonne. Dieselbe Empfindungsrichtung muß man entwickeln von dem schlafenden Menschen, der auch physischer Leib und Ätherleib ist, also vom Werte einer Pflanze ist, zu seinem Ich und astralischen Leib hin, die ganz unabhängig zunächst vom Sonnenstande außer dem physischen Leib und Ätherleib sind, wenn der Mensch schläft, genau wie die physische Sonne außerhalb des physischen Leibes und des Ätherleibes der Pflanze ist.
Cite:
GA 144/1913-02-04/p021 · edition original