Vierter Vortrag
So muß sich eigentlich der an das Mysterienwesen Herantretende fühlen, so sich gegenüberstehen, daß er sich bestrebt, einer zu werden, der nachstrebt den Tugenden Parzivals, und der doch weiß, daß er noch ein anderer ist: daß er - durch alle die geschilderten Verhältnisse der neueren Zeit, weil er ein Mensch der neueren Zeit ist — der verwundete Amfortas ist. Der Mensch der neueren Zeit träet diese Doppelnatur in sich: strebender Parzival — und verwundeter Amfortas. So muß er sich selbst fühlen in seiner Selbsterkenntnis. Daraus quellen dann die Kräfte, die eben aus dieser Zweiheit heraus zur Einheit werden müssen und den Menschen wieder ein Stück weiterbringen sollen in der Weltentwickelung. In unserer Verstandes- oder Gemütsseele, in den Tiefen unseres Innern müssen sich treffen der an Leib und Seele in einer gewissen Beziehung verwundete moderne Mensch, der Amfortas, und Parzival, der Pfleger der Bewußtseinsseele. Und es ist nicht uneigentlich gesprochen, sondern ganz eigentlich gesprochen, daß der Mensch, um die Freiheit sich zu erringen, durch die «Verwundung» des Amfortas gehen muß, den Amfortas in sich kennenlernen muß, damit er auch den Parzival kennenlernen kann. Wie es angemessen war in der ägyptischen Zeit, hinaufzusteigen in die spirituellen Welten, um die Isis kennenzulernen, so ist es in der heutigen Zeit angemessen, auszugehen von der Spiritualität dieser Welt, und durch die spirituelle Art dieser Welt hinaufzukommen in die höheren spirituellen Welten. Das ist nicht eine wirkliche Charakteristik unserer Zeit, wenn man die Amfortas-Natur hinwegleugnen will. Weil sich der moderne Mensch so gern mit der Maja umgibt, geschieht es, daß er den Amfortas hinwegleugnen will. Denn wie schön klingt es, wenn gesagt wird: Die Menschheit schreitet immer vorwärts! Ja, aber dieses Vorwärtsschreiten macht eben verschlungene Wege durch! Und um in der Menschennatur die Parzival-Kräfte auszubilden, muß die Amfortas-Natur im Menschen selber erkannt werden.
Cite:
GA 144/1913-02-07/p035 · edition original