Erster Vortrag
Auch in vielen anderen Beziehungen verselbständigen sich die einzelnen Organe und Organsysteme des menschlichen physischen Organismus, und diese Verselbständigung können wir auch dadurch kennzeichnen, daß Rückenmark und Gehirn viel unabhängiger voneinander werden. Wir werden von der Nahrung, von der okkulten Nahrungsphysiologie morgen noch weiterreden; ich will aber heute mehr bei dem Thema der Verselbständigung bleiben. Diese Unabhängigkeit des Rückenmarkes vom Gehirn kann dadurch zutage treten, daß in der Tat durch eine innere Durchdringung der Seele mit Anthroposophie nach und nach der Mensch in die Lage kommt, an seinem physischen Leibe zu empfinden, als ob dieser physische Organismus an sich größere Selbständigkeit gewänne. Das kann wiederum ganz unbehagliche Situationen geben. Daher ist es um so notwendiger, daß man die Sache weiß. Es kann sich zum Beispiel herausstellen, daß, während man sich sonst in der Gewalt hat, wie man das so gewöhnlich nennt, derjenige, der weiterkommt, an sich plötzlich merkt, wie er manche Worte sagt, ohne daß er so recht die Absicht hatte, diese Worte zu sagen. Er geht auf der Straße; plötzlich merkt er, daß er ein Wort ausgesprochen hat, das vielleicht ein Lieblingswort von ihm ist, das er unterlassen hätte auszusprechen, wenn er nicht jene Verselbständigung durchgemacht hätte, die man diejenige des Rückenmarkes gegenüber dem Gehirn nennt. Was sonst gehemmt wird, das wird zu bloßen Reflexerscheinungen durch die Verselbständigung des Rückenmarkes gegenüber dem Gehirn. Aber im Gehirn selber wird ein Teil verselbständigt gegenüber dem andern Teil: nämlich die inneren Partien des Gehirns werden selbständiger gegenüber den äußeren umlagernden Partien, während diese letzteren mehr mit den inneren Partien zusammenarbeiten im normalen Leben. Das zeigt sich dadurch, daß für den Esoteriker oder wirklichen Anthroposophen das abstrakte Denken schwerer wird, schwieriger wird, als es vorher war, an dem Gehirn allmählich einen Widerstand findet. Bildlich zu denken, mehr sozusagen sich imaginativ vorzustellen, das wird leichter bei dem sich entwickelnden Anthroposophen, als daß er abstrakt denkt.
Cite:
GA 145/1913-03-20/p016 · edition original