Erster Vortrag

GA 146/1913-05-28/p010 ·1913-05-28 · original (original)
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Zwei Bilder möchte ich, damit sie eine Unterlage bilden für die weiteren Schilderungen, zunächst vor unsere Seelen hinstellen. Das eine Bild aus der Bhagavad Gita selber, das andere aus dem westländischen Geistesleben, und zwar so, daß es diesem westländischen Geistesleben verhältnismäßig nahe liegt, während das Bild, das wir aus der Bhagavad Gita selber nehmen wollen, vorläufig dem abendländischen Geistesleben recht fern zu liegen scheint. Jetzt sei ein Bild vor unsere Seele zunächst hingestellt, das wir in der Bhagavad Gita selber finden: So verläuft ja der große erhabene Gesang, daß uns geschildert wird, wie mitten in der Schlacht Krishna auftaucht und Weltengeheimnisse, gewaltige, große Lehren vor seinem Schüler Arjuna enthüllt. Dann überkommt diesen Schüler der Drang, gestaltenhaft, geistig gestaltet, diese Seele zu sehen, denjenigen wirklich zu erkennen, der so Erhabenes zu ihm spricht. Er bittet den Krishna, er möge sich ihm zeigen, so wie er sich ihm zeigen kann in seiner wahren Geistgestalt. Und da erscheint ihm denn Krishna und wir werden noch auf diese Schilderung zurückkommen -, da erscheint er in seiner Gestalt, die alles umfaßt, eine große, erhabene, herrliche Schönheit, eine Erhabenheit, die Weltgeheimnisse darstellt. Wir werden sehen, daß es weniges gibt auf der Welt, das herrlich ist gleich dieser Schilderung, wie sich die erhabene Geistgestalt des Lehrers dem Seherauge seines Schülers offenbart. Ausbreitet sich vor dem Auge Arjunas das wüste, wirre Kampfesfeld, auf dem viel Blut fließen soll, auf dem der Bruderkampf sich entwickeln soll. Entrückt soll werden von diesem wüsten, wirren Kampfesfeld die Seele des Schülers des Krishna, und erblicken soll die Seele dieses Schülers eine Welt, eintauchen soll sie in eine Welt, in der Krishna in seiner wahren Gestalt lebt, die entrückt ist allem Kampf, allem Streit, eine Welt hehrster, erhabenster Seligkeit, eine Welt, in der sich enthüllen die Geheimnisse des Daseins, eine Welt, entrückt der Alltäglichkeit, dem Kampf und Streit, eine Welt, der die Menschenseele ihrer innersten, eigensten Wesenheit nach eigentlich aber angehört. Von dieser Welt soll die Menschenseele wissen, wissen lernen soll sie von dieser Welt, und dann soll es ihr möglich werden, wiederum herabzusteigen, wieder einzugreifen in die wirren, wüsten Kämpfe der diesseitigen Welt. Wahrhaftig, wenn wir fühlend der Schilderung dieses Bildes folgen, dann sagen wir uns: Was geht denn eigentlich vor in der Seele des Arjuna? Wie ist sie denn, diese Seele? Sie steht mitten im Kampfgewühl, und zwar so, wie wenn dieses Kampfgewühl ihr aufgedrängt wäre. So fühlt sich diese Seele wie verwandt mit einer seligen Welt, in der es nicht gibt menschliches Leiden, menschlichen Kampf, menschliches Sterben. So sehnt sich diese Arjunaseele herauf in eine Welt des Ewigen, des Seligen. Aber mit einer Notwendigkeit, die sich nur ergeben kann aus dem Impuls des erhabenen Krishna, muß diese Seele niedergezwungen werden zu dem wüsten, wirren, alltäglichen Kampf. Sie will den Blick abwenden von diesem wirren, wüsten Kampf. Wie ein Fremdes, wie ein ihr ganz und gar nicht Verwandtes, so erscheint das Leben der Erde, wie es ringsherum ist, für diese Arjunaseele. Wir fühlen förmlich: Diese Seele ist noch eine solche, die sich in die oberen Welten hinaufsehnt, als ob sie mit den Göttern noch leben wollte, und das Leben der Menschen noch wie ein Fremdes, ein Unverwandtes, ein Unverständliches empfindet. Wahrhaftig, ein wunderbares Bild, das größte und erhabenste Momente enthält: ein Held, Arjuna, umgeben von anderen Helden, von Kämpferscharen, ein Held, der alles, was sich ihm vor Augen ausbreitet, wie ein Fremdes, Jenseitiges, Unverwandtes empfindet, der erst hingewiesen werden muß auf diese Welt durch einen Gott, und der nicht versteht die diesseitige Welt, ohne daß ein Gott sie ihm verständlich macht, Krishna.

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