{"corpus":"steiner","locus":"GA 146/1913-05-28/p014","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wir schauen hin einige Jahrhunderte vor der Begründung des Christentums auf eine Seele, die ein halbes Jahrtausend vor der Begründung des Christentums einer der größten Geister des Abendlandes in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen gezogen hat. Auf Sokrates schauen wir hin und schauen hin im Geiste auf den sterbenden Sokrates. Sokrates, der sterbende Sokrates, wie ihn Plato im Kreise der Schüler schildert in seinem berühmten Gespräch über die Unsterblichkeit der Seele. In diesem Bilde wird nur spärlich angedeutet das andere, das Jenseitige, dargestellt als der Dämon, der zu Sokrates spricht. Sokrates stehe vor uns in den Stunden, die vorangegangen sind seinem Hineingehen in die spirituellen Welten, umgeben von seinen Schülern. Er spricht im Angesichte des Todes von der Unsterblichkeit der Seele. Viele lesen dieses wunderbare Gespräch von der Unsterblichkeit, das Plato uns gegeben hat, um gerade diese Szene seines sterbenden Lehrers zu schildern. Aber es lesen heute die Menschen nur Worte, Begriffe und Ideen. Es gibt sogar Menschen — und sie sollen nicht getadelt werden — die sich gegenüber dieser herrlichen Schilderung Platos fragen nach den logischen Berechtigungen desjenigen, was der sterbende Sokrates seinen Schülern auseinandersetzt. Es sind das diejenigen Menschen, die nicht empfinden können, daß es mehr gibt für die Menschenseele, daß Wichtigeres, Bedeutungsvolleres als logische Beweise, als wissenschaftliche Auseinandersetzungen in unseren Seelen lebt. Lassen wir ganz dasjenige, was Sokrates über die Unsterblichkeit sagt, lassen wir den allergebildetsten, den allertiefsten, den allerfeinsten Menschen im Kreise seiner Schüler in einer anderen Situation das sagen, was Sokrates seinen Schülern sagt, lassen wir es ihn unter anderen Umständen sagen, ja lassen wir hundertmal mehr das, was dieser feinste, logischste, gebildetste Mensch sagt, besser logisch begründet sein, als dies bei Sokrates ist: und trotzdem hat es vielleicht einen hundertmal geringeren Wert! Dies wird man erst voll einsehen, wenn man beginnen wird gründlich zu verstehen, daß es etwas für die Menschenseele gibt, was mehr wert ist, wenn es auch unscheinbarer scheint, als die stichhaltigsten logischen Beweise. Wenn irgendein gebildeter, feiner Mensch in irgendeiner Stunde zu seinen Schülern von der Unsterblichkeit der Seele spricht, so kann das wohl sehr bedeutsam sein. Aber die eigentliche Bedeutung wird nicht enthüllt durch das, was gesagt wird - ich weiß, ich spreche jetzt etwas sehr Paradoxes aus, aber etwas sehr Wahres -, sondern es wirkt der Umstand mit, daß dieser Lehrer seinen Schülern etwas sagt, hinterher aber die gewöhnlichen Angelegenheiten seines Lebens weiter besorgt und seine Schüler auch. Sokrates sagt die Dinge seinen Schülern in der Stunde, die seinem Durchschreiten der Todespforte vorangeht. Er spricht die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele aus in dem Augenblicke, da in dem nächsten sich seine Seele von dem äußeren Leibe trennen wird. Es ist etwas anderes, in der Todesstunde, die nicht als unbestimmt vom Schicksal ihm entgegenkommt, zu den zurückbleibenden Schülern von der Unsterblichkeit zu sprechen, etwas anderes, nach diesem den gewöhnlichen Tagesgeschäften nachzugehen. Es ist etwas anderes, nach einem solchen Gespräche auch wirklich einzugehen in die Welten, die hinter der Todespforte liegen. Nicht die Worte des Sokrates sollen vorzugsweise auf uns wirken, die Situation soll es tun. Aber nehmen wir alle Stärke desjenigen, was eben versucht worden ist zu charakterisieren, nehmen wir all das, was uns in dem Gespräch des Sokrates zu seinen Schülern über die Unsterblichkeit wie ein Hauch entgegentritt, nehmen wir die ganze, unmittelbare Kraft dieses Bildes, was haben wir da vor uns? Die griechische Welt, die Welt der griechischen Alltäglichkeit haben wir vor uns, jene Welt, in der des Lebens Alltagskämpfe dazu geführt haben, den besten der Söhne des Landes mit dem Schierlingsbecher zu bedenken. Wir haben vor uns die letzten Erdenworte dieses edlen Griechen, die letzten Worte, die er nur dazu bestimmte, die Menschen, die um ihn herumstehen, dahin zu bringen, daß ihre Seelen glauben an dasjenige, von dem sie ein Wissen nicht mehr haben können, daß ihre Seelen glauben an das, was für sie ein Jenseits ist, an die geistige Welt. Daß ein Sokrates notwendig ist, um mit den stärksten Gründen, nämlich durch die Tat, Erdenseelen dazu zu bringen, daß sich für sie ein Ausblick ergibt in die spirituellen Welten, in denen die Seele lebt, wenn sie durch die Todespforte gegangen ist, das zaubert vor unsere Seele ein Bild hin, das westländischen Seelen wohl verständlich ist. Sokrateskultur ist westländischen Seelen wohl verständlich. Sokrates vor seinen Schülern stehend, die so unmittelbar vor der Wirklichkeit des Todes stehen: dieses Bild ist allerdings abendländischen Seelen verständlich. Wir begreifen abendländische Kultur nur dann recht, wenn wir wissen, daß sie in diesem Sinne doch sokratische Kultur durch die Jahrhunderte, durch die Jahrtausende war.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Erster Vortrag","site_heading":null,"date":"1913-05-28","location":null,"word_count":751,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/146/1913-05-28/p014","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/146/1913-05-28/p014"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/146/1913-05-28/p014","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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