Zweiter Vortrag

GA 146/1913-05-29/p029 ·1913-05-29 · original (original)
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Nehmen wir an, jemand gehe wirklich einmal den Yogaweg. Wenn er das tut, dann kommt er dazu - diese Dinge werden wir noch genauer darstellen —, von seinem gewöhnlichen Bewußtsein zu einer höheren Bewußtseinsstufe hinaufzusteigen, zu derjenigen Bewußtseinsstufe, die nicht bloß das Ich umfaßt, welches zwischen Geburt und Tod liegt, sondern jenes Ich umfaßt, das von Inkarnation zu Inkarnation geht. In einem erweiterten Ich erkennt sich die Seele, in ein erweitertes Ich, in ein erweitertes Bewußtsein, wächst die Seele hinein. Die Seele macht einen Prozeß durch, der im Grunde auch alltäglich ist, aber der in der Alltäglichkeit eben nicht voll erlebt wird. Der Mensch schläft ja an jedem Abend ein. Dann erstirbt um ihn herum die Sinnenwelt, er wird für diese Sinnenwelt bewußtlos. Es ist nun eine Möglichkeit für die Seele, die Sinnenwelt wie beim Einschlafen verschwinden zu lassen, aber um in höheren Welten wie in einer Wirklichkeit zu leben. Da ersteigt der Mensch eine hohe Bewußtseinsstufe. Wenn der Mensch allmählich — und wir werden eben von dem Yoga und auch von modernen Übungen zu sprechen haben -, wenn der Mensch dazu gelangt, nicht mehr mit seinem Bewußtsein in sich zu leben, zu fühlen und zu wissen, sondern mit der ganzen Erde zu leben, zu fühlen und zu wissen, dann wächst er auf zu einer höheren Bewußtseinsstufe, wenn die gewöhnlichen Sinnesdinge für ihn verschwinden wie im Schlaf. Dazu aber ist notwendig, daß der Mensch sich zu identifizieren vermag mit seiner Planetenseele, mit der Erdenseele. Wir werden sehen, daß er das kann. Wir wissen, daß der Mensch nicht nur einschläft und aufwacht, sondern auf der anderen Seite erlebt auch noch andere Rhythmen der Erde: Winter, Sommer. Wenn der Mensch den Yogaweg geht oder moderne okkulte Übungen ausführt, dann kann er sich erheben über das gewöhnliche Bewußtsein, das die Zyklen Wachen und Schlafen, Winter und Sommer erlebt, dann kann er sich erheben, indem er lernt, sich selber von außen anzuschauen. Dann wird der Mensch gewahr, daß er auf sich zurückschauen kann so, wie er sonst auf die Dinge nach außen schaut. Jetzt betrachtet er auch die Dinge, die Zyklen im äußeren Leben. Dann sieht er abwechselnde Zustände. Er sieht, wie sein Leib, solange er außerhalb seiner selbst ist, eine Gestalt annimmt, welche gleicht der Erde mit ihrer Vegetation im Sommer. Was die materielle physische Wissenschaft als Nerven konstatiert, beginnt der Mensch dann wahrzunehmen wie ein Aufsprossen von etwas Pflanzlichem beim Einschlafen, und wenn er wieder in das alltägliche Bewußtsein sich zurückversetzt, dann fühlt er, wie dieses Pflanzliche wiederum zusammenschrumpft und das Instrument des Denkens, Fühlens und Wollens wird im tagwachen Bewußtsein des Menschen. Er fühlt sein Herausgehen und Wiederhineingehen in den Leib analog dem Wechsel von Winter und Sommer auf der Erde, und zwar fühlt er ein Sommerliches beim Einschlafen, ein Winterliches beim Aufwachen. Nicht etwa ist das Umgekehrte der Fall, wie man nach äußeren, oberflächlichen Begriffen leicht denken könnte. Er lernt aber von diesem Augenblicke an verstehen, was der Erdgeist ist, daß dieser im Sommer schläft und im Winter wacht, und nicht umgekehrt.

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Cite: GA 146/1913-05-29/p029 · edition original