Sechster Vortrag
Nun habe ich schon im zweiten Vortrage davon gesprochen, daß die Bhagavad Gita neben allen übrigen Eigenschaften auch noch diese hat, daß sie eine wunderbare, dramatische Komposition aufweist. Ich habe die dramatische Komposition der vier ersten Gesänge darzustellen versucht, aber diese dramatische Steigerung geht herauf, von Gesang zu Gesang, indem wir weiter kommen, weiter in die Gebiete des okkulten Anschauens hinein. Und es muß auch äußerlich ein gewisses gesundes Urteil über die künstlerische Komposition der Bhagavad Gita hervorrufen, wenn wir uns fragen: Ist vielleicht in der Bhagavad Gita auch ein Mittelpunkt vorhanden, ein Mittelpunkt der Steigerung? Die Bhagavad Gita hat achtzehn Gesänge, der neunte könnte also ein Mittelpunkt der Steigerung sein. Nun lesen wir im neunten Gesange, gerade also in der Mitte, die merkwürdigen Worte, die prägnant zum Ausdruck kommen: Und nun sage ich, nachdem ich dir alles mitgeteilt habe, nun sage ich hier das Geheimste für die menschliche Seele. - Fürwahr, in diesem Moment ein wunderbares Wort, das scheinbar abstrakt klingt, aber tief bedeutsam ist. Und dann das Geheimste: Verstehe! Ich bin in allen Wesen, sie aber sind nicht in mir. — Ja, so wie die Menschen einmal sind, so fragen die Menschen sehr häufig: Was sagt eine wahre Mystik, ein wahrer Okkultismus? — Die Menschen wollen absolute Wahrheiten haben, die gibt es aber nicht. Es gibt nur Wahrheiten, die aus irgendeiner Situation richtig sind, die unter irgendwelchen Umständen und Bedingungen wahr sind. Das müssen sie dann aber auch sein. Es kann nicht ein absolut richtiger Satz sein: Ich bin in allen Wesen, aber sie sind nicht in mir. — Aber es ist der Satz, der als die tiefste Krishna-Weisheit in dieser Situation, in der Krishna dem Arjuna damals gegenüberstand, gesagt wird, und er gilt - nicht abstrakt, sondern real gesprochen — von jenem Krishna, welcher der Schöpfer ist des menschlichen Innern, des menschlichen Selbstbewußtseins. Und in einer wunderbaren Steigerung werden wir bis in die Mitte der Bhagavad Gita geführt, an welcher Stelle diese Worte uns zuströmen. Im neunten Gesang werden sie zu Arjuna gesprochen, und im elften Gesang, bald danach, tritt noch etwas anderes ein.
Cite:
GA 146/1913-06-02/p010 · edition original