Siebenter Vortrag
Es ist ebenso natürlich, wie gewöhnlich von der Wissenschaft unbeachtet, daß der Mensch so, wie er heute einmal im Leben darinnen steht, einen Teil seines Wesens eigentlich gar nicht kennen kann. So wie die Umwelt um den Menschen herum sich ausbreitet, so stellt sie sich dar — wenn man sie gleichsam im groben zeichnet -, aufsteigend von dem mineralischen Reich durch das Pflanzenreich und durch das Tierreich bis herauf zum Menschen. Und voraussetzen muß der Mensch ja ganz selbstverständlich, daß hinter alle dem, was er an Formen ringsherum wahrnimmt, die schaffende Kraft stehe in allen Reichen der Natur, die den Menschen umgeben. In der ganzen uns umgebenden Natur muß zunächst vorausgesetzt werden die schaffende Kraft. Nun handelt es sich darum, daß der Mensch, wenn er den Blick in seine Umwelt richtet, dadurch, daß das mineralische, pflanzliche und tierische Reich außerhalb seiner sind und er sie beobachten kann, sich Erkenntnisse erwirbt. Aber von demjenigen, was der Mensch an sich selber hat, kann er sich eigentlich nur insoweit Kenntnisse erwerben, als in ihm die Kräfte walten, die in den genannten drei Reichen der Natur draußen auch sind. Und insofern er Kräfte in sich trägt, die über die Reiche der Natur hinausgehen, kann der Mensch eigentlich mit den gewöhnlichen Erkenntnismitteln sie gar nicht erkennen, kann gar nichts davon wissen. Denn durch das gerade, wodurch der Mensch über die Reiche der Natur herausragt, kann er ja erkennen, durch das kann er sich eben ein Wissen erwerben. Geradesowenig wie das Auge, das sehen muß, sich selbst sehen kann, ebensowenig kann der Mensch das an sich selber erkennen, was da ist, damit er erkennen kann. Es ist ein einfacher Gedanke, aber ein Gedanke, der durchaus gilt. Es ist unmöglich, daß das Auge sich selber sieht, weil es zum Sehen da ist; es ist unmöglich, daß diejenigen Kräfte im Menschen, die zum Erkennen da sind, sich selber erkennen. Und diese Kräfte, die zum Erkennen da sind, das sind gerade diejenigen, welche darstellen das, was mit der Menschheit über die Tierheit herausragt.
Cite:
GA 146/1913-06-03/p003 · edition original