Siebenter Vortrag
Was ist denn das gewöhnliche Erkennen für die äußere Welt? Wir haben es schon hervorgehoben: Es ist ein fortwährendes Zerstören, ein Aufreiben der äußeren, wirklich der äußeren Gehirn- und Nervenstruktur. Wenn man also suchen würde im gewöhnlichen Tagesleben, in dem Leben, das dem äußeren physischen Plane angehört, nach den Tatsachen des Erkennens, so würde man einen Zerstörungsprozeß im Nervensystem finden. Man würde also keinen schöpferischen, keinen aufbauenden Prozeß finden. Aber die schöpferischen Kräfte, die den Menschen erst eigentlich zuwege bringen, indem sie ihn über die Tierheit erheben, können sich im wachen Tagesleben, in dem Leben, das für gewöhnlich das erkennende ist, überhaupt nicht entfalten. Die müssen da so zur Geltung kommen, daß sie die Zerstörung der Nervenstruktur nicht aufhalten. Das heißt aber, sie ruhen, sie schlafen im wachen Tagesleben. Man hat schon viel erkannt, wenn man den Satz durchdrungen hat, daß alles, was man erkennen müßte, um schon auf dem physischen Plan den materialistischen Darwinismus als einen Unsinn zu erkennen, eigentlich schläft vom Aufwachen bis zum Einschlafen, und daß statt dessen ein Zerstörungsprozeß da ist, während das ruht, was den Menschen über die Tierheit heraushebt. Die schöpferischen Kräfte, die den tierischen Organismus hervorbringen, stehen an Vollkommenheit hinter denjenigen zurück, die am menschlichen Organismus arbeiten. Während des wachen Tageslebens wirken diese schöpferischen Prozesse gar nicht, sondern ein anderer, der fortwährend gerade dasjenige zerstört, was über die Tierheit herausgeht, die schöpferischen Kräfte des Menschen. Diese Kräfte werden gerade während des wachen Tageslebens zerstört. Sie sind also gar nicht da. Während des wachen Tageslebens schlafen also die Kräfte, die eigentlich den Menschen über die Tierheit heben. Während des Schlafes treten sie nun auf. Da wird dasjenige, was zerstört worden ist, wiederum hergestellt, da wird das gleichsam wiederum ausgefüllt. So daß wahrgenommen werden könnten die schöpferischen Kräfte, die den Menschen über die Tierheit herausheben, eigentlich nur an dem schlafenden Menschen. Wir würden also zu sagen haben: Dasjenige, was am schlafenden Menschen wiederum herstellt die Kräfte, die während des tagwachen Lebens abgebraucht werden, das müssen Kräfte sein, die den Menschen über die Tierheit herausheben. Diese Kräfte sind ja zwar heute der äußeren Naturwissenschaft noch unbekannt; sie gelangt erst allmählich dazu, sie zu ahnen. Aber sie ist auf dem Wege, diese Kräfte ganz mit äußeren Mitteln einmal bloßzulegen. Wirklich beobachtet könnten sie nur im Menschen werden, wenn man beobachten würde, wie beim Menschen der Reorganisationsprozeß im Schlafe sich vollzieht. Denn das erleidet allerdings schon Ausnahmen, daß nicht beobachtbar sind am Menschen für gewöhnlich diejenigen Kräfte, die über die Tierheit hinausführen. Wenn einmal die Naturwissenschaft unterscheiden wird diejenigen Kräfte im Menschen, die in ihm vorhanden sind über die Tierheit hinaus, dann wird sie gerade am schlafenden Menschenleibe das Herausgehobensein des Menschen über die Tierheit auch physisch konstatieren, weil man erkennen wird, wie schöpferisch während des Schlafens dasjenige wirkt, was zerstörend wirkt während des Tagwachens. Wenn einmal die Naturwissenschaft unterscheiden lernen wird die Regenerationskräfte im Menschen von dem, was in der Tierheit vorhanden ist, dann wird sie erkennen, wie die schöpferischen Kräfte, die im Erdenleben walten, um den Menschen über die Tierheit herauszuführen, nur wachen, wenn der Mensch schläft. Es schlafen also des Menschen eigentliche Schöpferkräfte, wenn der Mensch wacht; und es wachen des Menschen eigentliche Schöpferkräfte, wenn der Mensch schläft. Aus alle dem können wir entnehmen, daß in Selbsterkenntnis, in wirklicher Selbsterkenntnis des Menschen schöpferische Kräfte, die eigentlich menschlichen Kräfte, nur dann wahrgenommen werden können, wenn der Mensch hellsichtig wird während des Schlafens, das heißt, in einem, dem sonstigen Schlafe gleichen Zustand hellsichtig aufwacht. Im fünften Vortrage dieser Betrachtungsreihe habe ich ja schon darauf hingewiesen. Heute aber habe ich ja schon gesagt, daß in einer gewissen Weise man aus den Prozessen, die sich am schlafenden Menschen zeigen, nach und nach naturwissenschaftlich Hinweisungen finden wird auf diese Kräfte, die den Menschen heraufheben über die Tierheit. Aber es werden eben immer nur Hinweise bleiben. Denn diese Kräfte stellen sich gerade, wenn sie sich heute dem hellsichtigen Bewußtsein darstellen, als solche dar, daß sie ihre wahre, ureigentliche Gestalt nicht nach außen den Sinnen zeigen können. Man wird einmal auf diese Kräfte Schlüsse ziehen können aus naturwissenschaftlichen Tatsachen. Aber aus einem ganz anderen Grunde als dem, daß diese Kräfte eigentlich nicht wahrnehmbar sind, werden diese Kräfte - zwar nicht wahrnehmbar, so doch erschlossen werden können: aus dem Grunde nämlich, weil diese Kräfte, welche die menschenschöpferischen Kräfte genannt werden können, sich zu allem, was sonst Naturkräfte sind, in einer ganz besonderen Weise verhalten. Es ist ein ziemlich schwieriges Kapitel, auf das man da kommt, aber wir werden es uns in der folgenden Weise wohl klar machen können.
Cite:
GA 146/1913-06-03/p005 · edition original