Siebenter Vortrag
Es ist manchmal ganz wunderbar, welche Dinge wie Axiome, wie Selbstverständlichkeiten hingenommen werden. So können wir in zahlreichen philosophischen Werken des Westens lesen: Weniger als nichts kann nirgends da sein, weniger als nichts gibt es nicht. - Ja, nicht einmal das Nichts, so behaupten manche, könne da sein. Jetzt muß ich etwas recht Triviales sagen. Im Leben bemerken die Menschen schon recht gut, daß es sowohl ein «Nichts» als auch ein «Weniger-als-Nichts» gibt für gewisse Tatsachenreihen. Wenn Sie zehn Mark in der Tasche haben, so können Sie diese immer mehr verringern. Sie können fünf, vier, drei, zwei, eine Mark aus ihnen machen, und diese eine können Sie auch noch ausgeben. Da kann man schon zu einem Nichts kommen. Aber auf diesem Gebiete gibt es sogar wirklich ganz real ein Weniger-als-Nichts. Das ist sogar recht oft eine sehr starke Realität, denn jeder Mensch ist wohl zufriedener, wenn er zwei, drei, vier, fünf Mark in der Tasche hat, als wenn er zwei, drei, vier, fünf Mark schuldig ist. Das ist weniger als nichts, und dieses Weniger-als-Nichts ist in unserem praktischen Leben sogar eine recht starke, recht wirksame Realität. Denn diese Realität des Weniger-als-Nichts kann ja sogar eine viel stärkere Realität sein als die Realität des Besitzes.
Cite:
GA 146/1913-06-03/p008 · edition original