Zweiter Vortrag
Sie werden gesehen haben, daß die Erlebnisse der Seelen, welche in «Der Seelen Erwachen» dargestellt sind, sich an dem Grenzgebiet zwischen der Sinneswelt und den übersinnlichen, den geistigen Welten abspielen. Es ist für die Geisteswissenschaft von ganz besonderer Bedeutung, dieses Grenzgebiet in das Seelenauge zu fassen, denn es ist naturgemäß, daß zunächst alles das, was die menschliche Seele in der geistigen, in der übersinnlichen Welt erleben kann, gewissermaßen ein unbekanntes Land ist für alle Fähigkeiten, für alles seelische Erleben des Menschen in der sinnlich-physischen Welt. Wenn der Mensch nun sich in die geistige Welt einlebt durch die verschiedenen Methoden, die wir kennengelernt haben, das heißt, wenn die Seele lernt, in der geistigen Welt zu erleben, zu beobachten, zu erfahren außerhalb des physischen Leibes, dann ist zu solchem Leben, zu solchem Erfühlen in der geistigen Welt notwendig, daß die Seele ganz besondere Fähigkeiten, ganz besondere Kräfte heranbilde. Wenn die Secle das hellsichtige Bewußtsein innerhalb des Erdendaseins anstrebt, so ist es natürlich, daß die hellsichtig gewordene Seele oder hellsichtig werden wollende Seele sich in der geistigen Welt aufhalten kann außerhalb ihres Leibes und auch wiederum zurückkehren kann in den physischen Leib — das muß sie ja als Erdenmensch -, also wiederum so leben kann, wie der Mensch als Sinneswesen normal innerhalb der Sinneswelt nun einmal als Erdenmensch leben muß. Man kann also sagen: Die hellsichtig gewordene Seele muß sich gesetzmäßig bewegen können in der geistigen Welt und muß immer wieder und wiederum die Grenze überschreiten können in die physisch-sinnliche Welt herein und sich da, wenn ich mich trivial ausdrücken darf, in der richtigen, sachgemäßen Weise benehmen können. — Da die Fähigkeiten der Seele andere sein müssen für die geistige Welt und andere sind, wenn sich diese Seele bedient der physischen Sinne und des ganzen übrigen physischen Leibes, so muß die Seele in einem gewissen Maße die Beweglichkeit erobern, wenn sie hellsichtig werden will, sich in der geistigen Welt zu erfühlen, zu erleben mit den dazugehörigen Fähigkeiten, und dann, wenn sie die Grenze überschreitet, wiederum mit den entsprechenden Fähigkeiten die Sinneswelt erleben können. Diese Fähigkeit, diese Beweglichkeit, diese Verwandlungsfähigkeit sich anzueignen, ist nun keinesfalls so ganz besonders leicht; aber es muß für eine richtige Abschätzung des Unterschiedes der geistigen von der physisch-sinnlichen Welt gerade dieses Grenzgebiet zwischen den beiden Welten scharf ins Seelenauge gefaßt werden, die Schwelle selbst genau ins Auge gefaßt werden, über welche die Seele treten muß, wenn sie aus der physisch-sinnlichen Welt in die geistige Welt eindringen will. Denn wir werden es in der mannigfaltigsten Weise sehen im Verlaufe dieses Vortragszyklus: Es kann der Seele nur von Nachteil sein, die Gepflogenheiten der einen Welt in die andere hineinzutragen, wenn sie die Schwelle nach der einen oder anderen Richtung überschreiten muß.
Cite:
GA 147/1913-08-25/p003 · edition original