Zweiter Vortrag
Nun gibt es wiederum eine rechtmäßige, eine ganz im Sinne der allgemeinen Weltenordnung liegende Aufgabe des Luzifer. Diese Aufgabe des Luzifer ist, den Menschen und alles Seelische in der Welt überhaupt in einer gewissen Beziehung loszureißen von dem bloßen Leben und Aufgehen im Sinnlich-Physischen. Denken Sie sich, wenn es gar keine luziferische Gewalt in der Welt gäbe, dann würde der Mensch hinträumen in dem, was von der Außenwelt als Wahrnehmungen einströmt, in dem, was von der Außenwelt kommt durch den Verstand. Das wäre eine Art Verträumen des menschlichen und seelischen Daseins innerhalb dieser Sinneswelt. Impulse sind aber da, welche zwar diese Seelen nicht losreißen wollen von der Sinneswelt, insoferne sie zeitlich an diese Sinneswelt gebunden sind, die aber die Seelen erheben wollen, so daß die Seelen anderes erleben und erfühlen und sich erfreuen können als nur an dem, was diese Sinneswelt bieten kann. Wir brauchen nur zu denken an das, was die Menschheit gesucht hat in der künstlerischen Entwickelung. Überall da, wo der Mensch etwas erschafft in seinem Vorstellungs-, Gefühls- und Seelenleben, was nicht grob hängt an der Sinneswelt, sondern sich erhebt über diese, da ist Luzifer die Macht, die ihn losreißt von der Sinneswelt. Ein großer Teil dessen, was an Erhebendem, an Befreiendem in der künstlerischen Entwickelung der Menschen lebt, sind Eingebungen Luzifers. Noch etwas anderes können wir als Eingebungen Luzifers bezeichnen. Der Mensch ist in der Lage, dadurch, daß es luziferische Mächte gibt, mit seinem Denken nicht hängen zu bleiben an der bloßen porträtartigen Nachbildung der physisch-sinnlichen Welt; er kann im freien Denken sich über diese erheben. Das tut er zum Beispiel in seinem Philosophieren. Alles Philosophieren ist von diesem Gesichtspunkt aus eine Eingebung Luzifers. Man könnte geradezu eine Geschichte der philosophischen Entwickelung der Menschheit schreiben, insofern diese nicht reiner Positivismus ist, das heißt, sich nicht hält an das äußerlich Materielle, und man könnte sagen: Die Entwickelungsgeschichte der Philosophie ist ein fortwährendes Aufzeigen der Inspirationen Luzifers. Denn alles über die Sinneswelt sich erhebende Schaffen wird verdankt den berechtigten Kräften und Tätigkeiten des Luzifer.
Cite:
GA 147/1913-08-25/p009 · edition original