{"corpus":"steiner","locus":"GA 147/1913-08-25/p014","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wenn die Menschenseele das mit sich vorgenommen hat, was sie fähig macht, in die geistige Welt zu schauen, in die geistige Welt Einblicke zu gewinnen, dann muß sie ganz besonders die Aufgabe selbst übernehmen, die sonst von den unterbewußten Regulatoren des Seelenlebens geleistet wird. Daß der Mensch im gewöhnlichen Leben nicht allzusehr die Gepflogenheiten und Gesetzmäßigkeiten des einen Reiches in das andere hineinträgt, dafür sorgt die allgemeine Naturordnung, denn diese allgemeine Naturordnung käme ganz außer Rand und Band, wenn die Welten durcheinander geworfen würden. Wir haben eben betont, daß für die geistige Welt die Liebe sich so entwickeln muß, daß der Mensch vor allen Dingen auf die Durchdringung mit innerer Stärke in bezug auf sein Selbst sich entfalten muß, daß der Mensch den Drang entwickeln muß, sich zu vervollkommnen. Er muß sich selbst im Auge haben, wenn er die Liebe zur geistigen Welt entwickelt. Wenn er diese selbe Art von Antrieben, die ihn in der geistigen Welt zum Erhabensten führen können, ins Sinnliche überträgt, können sie zum Abscheulichsten führen. Es gibt Menschen, die sich im äußeren physischen Erleben, in dem, was sie den ganzen Tag über tun, gar nicht besonders interessieren für die geistige Welt. In unserer Zeit, so sagt man, sollen diese Menschen gar nicht so selten sein. Aber die Natur läßt mit sich keine Vogel-Strauß-Politik treiben. Nicht wahr, diese VogelStrauß-Politik besteht darin, daß der Vogel den Kopf in den Sand steckt und dann glaubt, die Dinge, die er nicht sieht, seien nicht da. Die materialistisch gesinnten Menschen glauben, die geistige Welt sei nicht da, weil sie sie nicht sehen. Sie sind richtige Vogel-Strauße. Aber in der eigenen Seele, in den Tiefen der eigenen Seele ist deshalb der Drang zur geistigen Welt nicht etwa nicht da, weil die Menschen ihn leugnen, weil sie sich darüber betäuben. Er ist da. In jeder Menschenseele ist ein lebendiger Trieb, eine lebendige Liebe zur geistigen Welt vorhanden, auch in den materialistischen Seelen. Die Menschen machen sich nur seelisch ohnmächtig gegenüber diesem Drang. Nun gibt es ein Gesetz, daß, wenn etwas auf der einen Seite durch Betäubung zurückgedrängt wird, es auf der entgegengesetzten Seite herauskommt. Die Folge davon ist, daß der egoistische Trieb sich in die sinnlichen Triebe hereinschlägt. Es schlägt aus der geistigen Welt die Art von Liebe, die nur für sie berechtigt ist, in die sinnlichen Triebe, Leidenschaften, Begierden und so weiter hinein, und da werden diese sinnlichen Triebe pervers. Die Perversitäten der sinnlichen Triebe, alle abscheulichen Abnormitäten der sinnlichen Triebe sind das Gegenbild von dem, was hohe Tugenden in der geistigen Welt wären, wenn man die Kräfte, die dann in die physische Welt gegossen werden, in der geistigen Welt verwenden würde. Darüber muß man nachdenken, daß dasjenige, was in verabscheuungswürdigen Trieben in der Sinneswelt zum Ausdruck kommt, wenn es in der geistigen Welt verwendet würde, das Erhabenste in der geistigen Welt leisten könnte. Das ist ungeheuer bedeutsam.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zweiter Vortrag","site_heading":null,"date":"1913-08-25","location":null,"word_count":476,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/147/1913-08-25/p014","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/147/1913-08-25/p014"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/147/1913-08-25/p014","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}