Fünfter Vortrag

GA 147/1913-08-28/p007 ·1913-08-28 · original (original)
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So fand sich Capesius von Zweifeln hin- und hergetragen, und da trat er denn, ich möchte sagen fast instinktiv denjenigen Gang an, den er oft angetreten hat, wenn es ihm schwer um die Seele geworden ist. Er ging ins Balde-Häuschen, um sich dort mit den guten Leuten zu besprechen, die ihm oftmals so schöne, gute Seelendienste geleistet hatten. Oftmals hatte ihn erfrischt, was in ihren wunderbaren Märchenbildern Frau Balde Capesius zu geben hatte. Und da ging er hin. Er traf zunächst, weil Frau Balde im Haus beschäftigt war, als er ankam, nur Felix Balde, den Vater Felix, den er im Laufe der Zeit so sehr lieben gelernt hatte. Dem trug er seine Qualen vor, seine Zweifel, in die er durch das Bekanntwerden mit dem Haeckelismus und Atomismus versetzt worden war. Er setzte ihm erstens auseinander, wie notwendig es dem Verstande erscheine, so etwas auf die Naturerscheinungen anzuwenden; und auf der anderen Seite trug er dem guten Vater Felix vor, wie öde und unbefriedigend eine solche Weltanschauung sei. Recht beunruhigt war Capesius, als er da sozusagen seelisch hilfesuchend zu dem Vater Felix kam. Vater Felix ist eben eine andere Natur als Capesius. Er geht seinen bestimmten Gang. Er lehnte so etwas wie den Haeckelismus und die atomistische Weltanschauung direkt ab, indem er unserem guten Professor Capesius auseinandersetzte, was es damit auf sich habe. Er sagte ihm: Gewiß, Atome muß es geben. Es ist ganz berechtigt, von Atomen zu sprechen. Aber man muß sich klar sein darüber, daß diese Atome, wenn sie die Welt irgendwie bilden sollen, sich so aneinander schichten und lagern müssen, daß die Aneinanderlagerung den Zahlen und Maßen entspricht; daß das Atom der einen Substanz zu vier, der anderen zu drei, der anderen zu eins, zwei eine Ganzheit bildet; daß auf diese Weise die Stoffe zustande kommen, die in der Welt sind. — Capesius, der historisch gut unterrichtet war, kam das etwas pythagoreisch vor; er fühlte, daß da das pythagoreische Prinzip in Felix Balde waltete. Felix Balde wollte ihm klarmachen, daß man mit den Atomen nichts anfangen könne, sondern daß da drinnen Maß und Zahl weise herrschen. Und immer komplizierter wurde das, was Vater Felix auseinandersetzte in immer komplizierteren Zahlenverhältnissen, nach denen die Weltenweisheit die Atome aneinander gruppiert und sie als geistiges Prinzip zwischen den Atomen geltend macht. Immer komplizierter wurden die Figuren, die Vater Felix dem Capesius vorkonstruierte. Da überkam den guten Professor Capesius eine merkwürdige Stimmung, eine Stimmung, die man so charakterisieren könnte: er mußte sich so anstrengen, dieses Komplizierte zusammenzuhalten, daß er, trotzdem ihn die Sache außerordentlich interessierte, eine Art Gähnen unterdrücken mußte, daß er in eine Art traumhaften Zustandes fast verfiel.

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Cite: GA 147/1913-08-28/p007 · edition original