Fünfter Vortrag
Nun habe ich Sie darauf hingewiesen, wie Ahriman überall darauf bedacht ist, dem Strom der Vernichtung zu entziehen, was im menschlichen Denken lebt, es da zu behalten in der physisch-sinnlichen Welt. Das ist der charakteristische Vorgang, wie das entsteht, was man aufschreibt. Da wird der menschliche Gedanke, der sonst in der Zeit vergehen würde, fixiert, wird für die Zeit aufbewahrt. Da dringt gerade Ahriman in die menschliche Kultur ein. Obwohl der Professor Capesius kein Rückschrittler ist und es nicht mit denen halten will, die etwa die Schrift abschaffen oder in den Volksschulen verbieten wollen, so sah er doch ein, daß, indem die Menschheit Schriftwerke um Schriftwerke überall ansammelt, die ahrimanischen Impulse in die Kulturentwickelung hereinkommen. So wußte er jetzt: im einsamen Gedanken ist luziferische Verlockung; in den Schriftwerken, in all dem, was fixiert wird durch Schreiben oder Drucken, ist ahrimanisches Element. Er wußte, daß die menschliche Entwickelung schon in der äußeren physischen Welt gar nicht sein kann, ohne daß das Ahrimanische und Luziferische allüberall hereinspielen. Und er verstand es jetzt, daß gerade mit der fortschreitenden Kultur, indem die Schrift immer größere Bedeutung gewinnt - um das zu erkennen, braucht man nicht hellsichtig zu sein, sondern nur die Entwickelung zu verfolgen um ein paar Jahrhunderte -, auch das Ahrimanische immer mehr Bedeutung gewinnen muß. Ahriman gewinnt immer mehr und mehr dadurch, daß die Schrift immer größere Bedeutung in der Menschheitsentwickelung bekommt. Und heute, wo sie eine so große Bedeutung hat — Capesius war sich darüber klar -, haben wir geradezu große ahrimanische Zwingburgen. Es ist zwar noch nicht üblich geworden - soweit hat es die Geisteswissenschaft noch nicht gebracht, daß man sich im öffentlichen Leben in der Wahrheit ausdrückt -, daß, wenn ein Student auf die Bibliothek geht, er sagt: Ich gehe jetzt in die Ahrimanburg ochsen! -— Aber die Wahrheit ist das doch. Die großen und kleinen Bibliotheken sind die Ahrimanburgen, sind diejenigen Zwingburgen, von denen aus Ahriman in die menschliche Kulturentwickelung in intensivster Weise eingreift. Man muß nur in einer solchen Beziehung den Tatsachen kühn ins Auge schauen.
Cite:
GA 147/1913-08-28/p019 · edition original