Fünfter Vortrag

GA 148/1913-10-06/p005 ·1913-10-06 · original (original)
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Es war der Jesus von Nazareth nach und nach durch die gestern charakterisierten Erlebnisse allerdings umgewandelt worden, so daß unendliche Weisheit sich in seinem Antlitz ausprägte. Aber er war auch, wie das ja immer, wenn auch in geringerem Grade der Fall ist, wenn die Weisheit in einer Menschenseele zunimmt, zu einer gewissen inneren Traurigkeit gekommen. Die Weisheit hatte ihm zunächst die Frucht gebracht, daß der Blick, den er wenden konnte in seine menschliche Umgebung, ihn eigentlich recht traurig machte. Dazu kam noch, daß er in den letzten Zwanzigerjahren immer mehr in stillen Stunden an etwas ganz Bestimmtes hatte denken müssen: Immer wieder von neuem mußte er daran denken, wie in seinem zwölften Jahre ein solcher Umschwung, eine solche Revolution in seiner Seele stattgefunden hatte, wie sich das ergab durch das Herübertreten des Zarathustra-Ich in seine Seele. Er mußte daran denken, wie er in den ersten Zeiten nach seinem zwölften Jahre gewissermaßen nur den unendlichen Reichtum dieser Zarathustra-Seele in sich gefühlt hatte. Er wußte ja am Ende der Zwanzigerjahre noch nicht, daß er der wiederverkörperte Zarathustra war; aber er wußte, daß ein großer, gewaltiger Umschwung in seiner Seele in seinem zwölften Jahre vor sich gegangen war. Und jetzt hatte er oftmals das Gefühl: Ach, wie war es doch anders mit mir vor diesem Umschwung in meinem zwölften Jahre! - Er fühlte, wenn er jetzt zurückdachte an diese Zeit, wie unendlich warm es dazumal in seinem Gemüt war. Er war ja als Knabe ganz weltentrückt gewesen. Da hatte er zwar gehabt die lebhafteste Empfindung für alles, was aus der Natur heraus zum Menschen spricht, für alle Herrlichkeit und Größe der Natur, aber er hatte wenig Anlage für dasjenige, was menschliche Weisheit, menschliches Wissen sich angeeignet hatte. Er interessierte sich wenig für das, was man schulmäßig lernen konnte! Es wäre ein völliger Irrtum, wenn man glauben würde, daß dieser Jesusknabe, bevor der Zarathustra in seine Seele herübergezogen war, bis in sein zwölftes Jahr hinein etwa im äußeren Sinne eine besondere Begabung gehabt hätte, daß er besonders gescheit gewesen wäre. Dagegen hatte er besessen ein ungemein mildes, sanftmütiges Wesen, eine unendliche Liebefähigkeit, ein tiefes inneres Gemütsleben, ein umfassendes Verständnis für alles Menschliche, aber kein Interesse für alles dasjenige, was die Menschen an Wissen im Laufe der Jahrhunderte sich aufgespeichert haben. Und dann war es so, wie wenn nach diesem Moment im Tempel zu Jerusalem in seinem zwölften Jahre dies alles aus seiner Seele herausgestürmt und dafür alle Weisheit hineingeströmt wäre! Und jetzt mußte er oftmals denken und empfinden, wie so in ganz anderer Weise er mit allem tieferen Geiste der Welt früher vor seinem zwölften Jahre verbunden war, als ob da seine Seele offen gewesen wäre für die Tiefen der unendlichen Weiten! Und wie er seitdem gelebt hatte seit seinem zwölften Jahre, wie er da seine Seele geeignet fand für eine Art Aufnahme der hebräischen Gelehrsamkeit, die aber ganz ursprünglich wie aus sich heraus kam, wie er durchgemacht hatte die Erschütterung, daß die Bath-Kol nicht mehr in der alten Weise inspirierend wirken konnte; wie er dann auf seinen Reisen kennenlernte die heidnischen Kulte, wie ihm all das Wissen und die Religiosität des Heidentums in seinen verschiedenen Nuancierungen durch die Seele gezogen war. Er dachte daran, wie er da zwischen seinem achtzehnten und vierundzwanzigsten Jahre gelebt hatte in alledem, was die Menschheit sich äußerlich errungen hatte, und wie er dann eingetreten war in die Gemeinschaft der Essäer ungefähr um das vierundzwanzigste Jahr und dort eine Geheimlehre kennengelernt hatte und Menschen, die einer solchen Geheimlehre sich hingaben. Daran mußte er oftmals denken. Aber er wußte auch, daß im Grunde genommen nur dasjenige in seiner Seele aufgegangen war, was seit dem Altertum her Menschen an Wissen in sich aufgespeichert hatten; er lebte in dem, was Menschenschätze an Weisheit, Menschenschätze an Kultur, Menschenschätze an moralischen Errungenschaften darboten. Er fühlte, in dem Menschlichen auf Erden hatte er gelebt seit seinem zwölften Jahre. Und jetzt mußte er oftmals zurückdenken, wie er war vor diesem zwölften Jahre, wo er gleichsam sich mit den göttlichen Urgründen des Daseins verbunden fühlte, wo alles in ihm elementar und ursprünglich war, wo alles aus einem aufsprudelnden Leben, aus einem warmen, liebenden Gemüte kam und ihn innig zusammenschloß mit anderen Menschenseelen, während er jetzt vereinsamt und allein und schweigsam geworden war.

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