Erster Vortrag

GA 148/1913-10-21/p023 ·1913-10-21 · original (original)
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Mit dem neuen, dem fünften Zeitraum, kündigte sich noch etwas ganz anderes an. Nicht nur, daß man jetzt Unverständnis gegenüber dem Christus-Wesen entwickelte, sondern auch Unverständnis überhaupt gegenüber allem Göttlich-Geistigen. Und was ist der Beweis dafür - man könnte viele Beweise finden, aber einer spricht besonders klar und&deutlich dafür -, wie man vorrückte in dem Unverständnis, das heißt, daß die Menschen nicht mehr unmittelbar aufnehmen konnten nicht nur das Christus-Prinzip, sondern auch das göttlichgeistige Prinzip überhaupt? Im 12. Jahrhundert, wie vorausverkündend die Ich-Kultur, erfindet Anselmus, der Erzbischof von Canterbury, den sogenannten Gottesbeweis; das heißt, dieser Mann findet sich genötigt, die Gottheit zu «beweisen». Was beweist man denn in solcher Art? Das, was man weiß oder das, was man nicht weiß? Wenn beispielsweise in meinem Garten gestohlen worden ist, und ich kann vom Fenster aus den Dieb beobachten, wie er die Tatsache des Diebstahls vollzieht, dann habe ich nicht nötig zu beweisen, daß dieser Mensch es war, der gestohlen hat. Ich suche es nur dann zu beweisen, wenn ich ihn nicht kenne. Die Tatsache, daß man Gott zu beweisen sucht, ist ein Beweis dafür, daß man ihn nicht mehr kennt, nicht mehr erlebt. Denn was man erlebt, beweist man nicht, sondern was man nicht erlebt, das beweist man. Und dann ging es mit dem Nichtverstehen eigentlich immer weiter und weiter, und heute stehen wir in dieser Beziehung an einem merkwürdigen Punkt. Öfter ist auch von dieser Stelle aus berührt worden, welche unendlichen Mißverständnisse sich in den letzten Jahrhunderten, insbesondere im letzten, aufgetürmt haben gegenüber dem Verständnisse dessen, was das Mysterium von Golgatha, was der Christus Jesus ist, bis zum jetzigen Zeitpunkt, wo selbst von theologischer Seite der Christus Jesus nicht nur herabgewürdigt, herabgewertet worden ist zu einem wenn auch hervorragenden menschlichen Lehrer, sondern, sogar auch von theologischer Seite, in seiner Existenz vollständig geleugnet wird.

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Cite: GA 148/1913-10-21/p023 · edition original