Zweiter Vortrag (Notizen)
Und nun stieg in Jesu die Frage auf: In welchem Zeitalter leben wir jetzt, was kann der Mensch erleben zwischen dem einundzwanzigsten und achtundzwanzigsten Lebensjahr? Und er empfand, daß das, was das äußere Leben beherrschte, die Kräfte waren, die ausgegossen waren über die griechisch-lateinische Kultur, daß das aber auch die letzten Kräfte waren. Der Sinn des einzelnen menschlichen Lebens stand in seiner ganzen Wucht vor den Augen des Jesus von Nazareth. Vom achtundzwanzigsten bis fünfunddreißigsten Jahre überschreitet der Mensch dann die Mitte des Lebens und beginnt seinem Alter entgegenzuleben. Da sind keine neuen Lebenskräfte mehr vorhanden; die ererbten Kräfte der Götter sind erschöpft. Die aufsteigenden Kräfte sind bis hierher da, sie werden aufgezehrt bis zur Lebensmitte. Was nun? Es zeigte sich nirgends etwas Neues, woraus Kräfte für die Menschheit entstehen könnten. Die Menschheit müßte verdorren, wenn nichts Neues geschieht. Diese Krisis mußte Jesus eine gewisse Zeit durchleben, und dann löste sich das Zarathustra-Ich, dessen Besitz ihm kurz vorher erst aufgeblitzt war. Er hatte sich gleichsam so identifiziert mit der Menschheitsentwickelung, daß das Zarathustra-Ich während seiner Worte an die Mutter wegging. Zurück blieben nur die drei Hüllen, und Jesus wurde wieder das, was er mit zwölf Jahren gewesen war, aber mit alldem, was er durch die Erlebnisse des Zarathustra hatte hereinsenken können. Nun war es wie ein Impuls, der ihn hinzog an den Jordan zu Johannes dem Täufer. Und dort senkte sich in den Jesus von Nazareth dasjenige, was verjüngend in den Menschheitsprozeß einfließen mußte, damit die Menschheit nicht verdorre: die Christus-Wesenheit. Dieser Christus-Impuls zog ein zu einer Zeit, als die Menschen zu seiner Aufnahme am schlechtesten vorbereitet waren. Mit dem Gemüte konnten die Menschen sich hingezogen fühlen zu Christus, aber von den Weisheiten und Kräften der früheren Zeitalter war nichts mehr vorhanden. So wirkte Christus zunächst nur als Kraft, nicht als Lehrer. Aber auch heute noch ist die Menschheit nicht besonders weit im Verstehen des Christus-Impulses.
Cite:
GA 148/1913-11-23/p006 · edition original