Zweiter Vortrag
Nicht um überflüssigerweise kritisch zu sein, erwähne ich gerade innerhalb unserer Zweige das eine oder das andere, sondern um unsere Freunde aufmerksam zu machen, wie jämmerlich es steht auch mit der reinen Denklogik in unserer Zeit. Es ist in unserer Zeit nicht vorhanden Unterscheidungsvermögen. Man nimmt, mehr als man glaubt — namentlich da man immer schreit über das sich Emanzipieren von jeglicher Autorität —, gern und willig alles auf Autorität hin an, besonders in den Kreisen, die sich heute oft für die gebildetsten halten. Man erlebt solche Dinge immer wieder, die - selbst wenn es nur durch Inanspruchnahme der Zeit geschehen kann, die sonst besser zu verwenden wäre — erwähnt werden müssen, Dinge wie ich sie in Berlin erleben mußte bei einem Vortrag, den ich in einem Weltanschauungsbund über Giordano Bruno hielt und wo ich zu erwähnen hatte - es ist das lange her -, wie wenig unsere Zeit geeignet ist, sich in das Gedankengefüge großer Persönlichkeiten wie Giordano Bruno wirklich hineinzufinden. Ich machte damals aufmerksam auf die Denkverirrung, die mit einer Empfindungsverirrung zusammenhängt, in einem damals berühmten Buch, in Harnacks «Wesen des Christentums».
Cite:
GA 148/1913-12-10/p006 · edition original