Zweiter Vortrag

GA 148/1913-12-10/p011 ·1913-12-10 · original (original)
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Daher kann es auch nur kommen, daß eine so betrübende Erscheinung zutage getreten ist wie das Buch, das jetzt schon, trotzdem es drei dicke Bände umfaßt, eine zweite Auflage erlebt, das Buch «Kritik der Sprache» von Fritz Mauthner, der durch die Verfassung eines großen philosophischen Wörterbuches der Mann für viele geworden ist. Solche Erscheinungen müssen heute besprochen werden, wenn es auch nicht angenehm ist. Die «Kritik der Sprache» soll die letzte bedeutende Kritik alles philosophischen Weltanschauungsstrebens sein. Ganz bedeutend ist das Buch im Sinne der äußeren Gescheitheit der Gegenwart. Nicht bestritten soll werden, daß es ein bedeutendes Buch ist, voller geistreicher Aperçus. Abgekanzelt wird da die ganze Weltanschauungsvergangenheit der Menschheit. Bei der Abkanzelung einer Weltanschauungsströmung, die mir auch nicht sympathisch sein kann, gebraucht der Kritiker ganz ernsthaft folgendes Bild: Der da von dieser Weltanschauung spricht, ist wie ein Clown, der auf eine freistehende Leiter steigt und sie dann, oben angekommen, zu sich hinaufziehen wollte. Er wird herunterpurzeln. — Aber ich bitte Sie: Wie macht man das, wenn man eine Leiter senkrecht aufgestellt hat und hinaufgestiegen ist und dann oben sie zu sich hinaufzieht und dann herunterpurzelt? Wie vollzieht man einen solchen Gedanken, ohne gedankenlos zu sein? Diesen hohlen Gedanken bemerken die meisten Leute nicht, weil heute wenig Übung in der Logik da ist. Sonst würde man bemerken, daß heute in jedem zweiten Buch auf jeder zwanzigsten Seite solche Ungedanken sich finden. Das muß auch einmal erwähnt werden, weil es charakteristisch ist dafür, wie heute gedacht wird, wie das Denken suggestiv beeinflußt wird. Ich habe dieses Beispiel nicht ohne Bedeutung angeführt, denn für den der denken kann, ist das ganze Buch mit derselben Logik geschrieben, aber man merkt es nicht. Viele werden nicht einmal die Unmöglichkeit dieses Gedankens bemerken, sondern so, wie das Geistesleben heute nun einmal ist, wird eine solche literarische Erscheinung als etwas ungeheuer Bedeutendes ausposaunt und viele glauben, daß das so ist, studieren es, und aus der Summe derer, die in einer solchen Weise denken können, rekrutieren sich die Gegner der Geisteswissenschaft.

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Cite: GA 148/1913-12-10/p011 · edition original