{"corpus":"steiner","locus":"GA 148/1913-12-10/p017","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Jesus führte sein Trieb weiter. Er traf dann einen Aussätzigen und mußte, als der an ihn herantrat, die Worte sagen: Wozu hat deine Seele ihr Weg geführt? Ich habe dich vor Jahrtausenden, vor vielen Jahrtausenden anders gesehen. Ja, damals warst du anders. - Der Aussätzige sagte: Mich haben die Menschen überall wegen meines Aussatzes verstoßen. Daher mußte ich in der Welt umherirren und niemand nahm mich auf. Froh war ich, wenn man mir Abfälle zur Tür oder zum Fenster herauswarf, die mich notdürftig nährten. Aber ich konnte nirgends stille sitzen, ich mußte von Ort zu Ort irren. Da kam ich einmal nachts in einen Wald. Da war es, wie wenn von ferne mir ein Baum, der wie eine Flamme war, entgegenleuchtete. Das Licht zog mich an. Als ich immer näher kam, trat aus dem leuchtenden Baum eine Gestalt in Form eines Gerippes und sprach zu mir die furchtbaren Worte: Ich bin du! Ich zehre an dir. -— Da übermannte mich furchtbarste Angst; und da sie mich so durchschauerte, daß ich an mir spürte, wie die Aussatzschorfe aneinander stießen und wie aneinander knisterten, da fühlte das Wesen, was in mir vorging und sagte: Warum fürchtest du dich so vor mir? Du hast so manches Leben früher durchlebt, da liebtest du den Lebensgenuß, vieles, was dir Begierde in deinem Leben schuf, was dir Freuden des Alltags brachte, da konntest du schwelgen in den Freuden des Alltags; da liebtest du mich, mich liebtest du, tief liebtest du mich. Du wußtest es nicht immer, aber du liebtest mich, und weil du mich so liebtest, zog deine Seele mein Wesen an. Ich wurde du und darf nun an dir zehren. - Und meine Furcht wurde noch größer. Da verwandelte sich das Gerippe in einen schönen Erzengel; den schaute ich an. Ja, sprach er, du liebtest mich dereinst. - Da sank ich in tiefen Schlaf und morgens fand ich mich, erwachend, an dem Baum liegend, und irrte weiter in der Welt herum, und jetzt finde ich dich. Seit diese Erscheinung mir ward, ist der Aussatz immer schlimmer geworden. - Als er so sprach, stand das Totengerippe wieder da und verdeckte Jesus, der verschwand und seines Weges durch den in ihm waltenden Trieb weitergehen mußte. Der Mann mußte auch weitergehen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zweiter Vortrag","site_heading":null,"date":"1913-12-10","location":null,"word_count":373,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/148/1913-12-10/p017","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/148/1913-12-10/p017"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/148/1913-12-10/p017","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}