Zweiter Vortrag

GA 148/1913-12-10/p037 ·1913-12-10 · original (original)
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Dieses Mysterium von Golgatha immer besser zu verstehen, wird die Aufgabe sein der fortschrittlichen geistigen Entwickelung. Manches was in der gegenwärtigen Kultur eine große Rolle spielt, wird allerdings überwunden werden müssen. Wir stehen gerade in der Gegenwart dem Verständnis des Christentums gegenüber in einer Krisis, in einer wirklichen Krisis. Ich spreche natürlich nicht etwa von dem, was von dieser oder jener landläufigen Theologie in bezug auf das Christentum vorgebracht werden kann. Ich möchte nur aufmerksam machen auf elementare Ereignisse des Unverständnisses in der Gegenwart. Bei einer von jenen Versammlungen im Jahre 1910, wo über den historischen Christus gesprochen wurde, sprach ein vielgenannter Theologe, um zu betonen, daß die Worte der Lehre des Christus Jesus nur zusammengefaßte Lehren seien, die auch schon früher dagewesen wären: Ich werde Ihnen dankbar sein, wenn mir nur ein einziger Satz unter den Aussprüchen des Jesus Christus nachgewiesen werden kann, der nicht schon früher in irgendeiner Form da war. - Wenn heute ein liberaler theologischer Forscher das belegen kann, was jener behauptet hat, ist er für unsere Zeitgenossen ein großer Mann, denn wie überzeugend muß das wirken, wenn man wirklich nachweisen kann, daß alle Aussprüche von Christus schon früher von anderen gesagt worden sind, daß sie also nichts Neues waren. Dem, der die Dinge dutchschaut, erscheint ein solcher Ausspruch in anderem Lichte. Man denke sich, Goethe hätte ein Gedicht gemacht, noch nicht aufgeschrieben, nur gesprochen, und ein Kind, das zuhörte, hätte gerufen: Das sind ja alles Worte, die ich schon gehört habe. - Wie das Kind, so ist der Theologe, der nichts hört, als was er schon kennt und nicht merkt, worauf es ankommt, denn das steht über den Aussprüchen, die früher schon da waren, so hoch, wie ein Goethesches Gedicht über den einzelnen Worten, die das Kind schon gehört hat. Wenn man gar nicht weiß, was man als die Hauptsache ins Auge zu fassen hat, und glauben kann, man treibe heute echte Theologie dadurch, daß man sich in dieser Weise an Worte hält, sich daran hält, was wahr ist, daß die Aussprüche schon “ dagewesen sind, so wird damit angedeutet, daß wir in einer tiefen Krisis in bezug auf die Erfassung des Christentums stehen, aus der man schon wird begreifen können, daß wirkliches Christus-Verständnis erst dadurch in die Welt kommen kann, wenn die heutige Theologie, die das öffentliche Amt hat, über das Christus-Verständnis zu wachen, erst abstirbt. Das ist es, worauf es ankommt: daß man erfühlen lernt die ganze Größe der Tatsachen, die sich um Golgatha abspielten.

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Cite: GA 148/1913-12-10/p037 · edition original