Erster Vortrag
Aber weniger möchte ich Sie aufmerksam machen auf diese historische Tatsache, daß in einem einzelnen Menschen durch innere Erleuchtung wieder auftauchte, was einmal in der Prophetenzeit geoflenbart worden war. Vielmehr möchte ich Ihre Empfindungen hinlenken auf das, was es heißt, daß in unendlicher Einsamkeit eine so verhältnismäßig junge Seele, die Seele des dreizehn- bis vierzehnjährigen Jesus von Nazareth, in sich heraufkommen fühlt eine Offenbarung, welche alle anderen Menschen in seiner Umgebung nicht mehr heraufkommen fühlten, welche die Besten höchstens in einem schwachen Abglanz hatten. Versetzen Sie Ihre Empfindungen in das Leben einer solchen Seele, die mit einem Größten der Menschheit allein dasteht, und legen Sie Wert darauf, daß das Mysterium von Golgatha vorbereitet werden mußte dadurch, daß in der Seele des Jesus von Nazareth jene einsamen Gefühle und einsamen Empfindungen Platz greifen mußten. Wenn man so wie auf einer Seeleninsel dasteht mit etwas, was man so wie Er, der ja schon in seiner Kindheitszeit mit allen Menschen fühlen konnte, allen Menschen zuteil werden lassen möchte, aber nicht zuteil werden lassen kann, weil man sieht, daß die Seelen auf eine Stufe niedergestiegen sind, wo sie es nicht mehr aufnehmen können, wenn man dies alles empfindet: in Schmerz und Leid etwas wissen zu müssen, was die anderen nicht aufnehmen können, wovon man aber so gern wünschen möchte, daß es auch in ihren Seelen lebe, dann bereitet man sich für eine Mission vor. Dafür bereitete sich Jesus von Nazareth vor. Das gab seiner Seele die Grundnote, die Grundnuance, daß er sich immer wieder sagen mußte: Zu mir tönt eine Stimme aus der geistigen Welt. Wenn die Menschheit sie hören könnte, würde es ihr zu unendlichem Segen werden. In alten Zeiten waren Menschen da, die sie vernehmen konnten, jetzt aber sind keine Ohren mehr da, zu hören. — Dieses Leid des Alleinseins, das preßte sich immer mehr und mehr ein in seine Seele.
Cite:
GA 148/1913-12-17/p014 · edition original