Erster Vortrag

GA 148/1913-12-17/p016 ·1913-12-17 · original (original)
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Wenn man dies verstehen will, muß man eines berücksichtigen, was überhaupt berücksichtigt werden muß, wenn man so recht eindringen will in verschiedene Geheimnisse der Menschheitsevolution: daß so etwas zu erleben, wie ich es angedeutet habe bei dem jungen Jesus von Nazareth, tiefsten Schmerz in der Seele verursacht. Aber dieser Schmerz wandelt sich um in Liebe. Und viele höchste Liebe, die im Leben lebt, ist umgewandelter Schmerz dieser Art. Tiefster Schmerz hat die Fähigkeit, sich in Liebe umzuwandeln, die nicht bloß wirkt wie gewöhnliche Liebe durch das bloße Dasein des liebenden Wesens, sondern die gleichsam ausstrahlt wie weithin wirkende aurische Strahlen. So daß die Leute, unter denen Jesus in dieser Zeit war, viel mehr als bloß einen Menschen unter sich zu haben glaubten. Und wenn er wieder von einem Orte weggezogen war, da wirkte das so, daß die Leute, wenn sie des Abends wieder zusammensaßen, wirklich das Gefühl von seiner Gegenwart hatten. Als wenn er noch da wäre, so empfanden sie. Und das trat stets ein, wieder und wieder, wenn er längst fortgezogen war von einem Orte, wo er sich aufgehalten hatte: daß die Leute, die abends um den Tisch saßen, gemeinschaftliche Visionen hatten. Sie sahen ihn hereintreten als Geistgestalt. Jeder einzelne hatte zugleich diese Vision, daß Jesus wieder unter sie gekommen wäre, daß er mit ihnen spräche, ihnen Dinge mitteilte, wie einst in leiblicher Gegenwart. So lebte er sichtbarlich unter den Leuten, wenn er längst schon fort war. Das war eben der in Liebe umgewandelte Schmerz, der ihn so wirksam machte. Die Leute, bei denen er war, fühlten sich dadurch in einem besonderen Maße mit ihm verbunden. Sie fühlten sich eigentlich niemals mehr von ihm getrennt, sie fühlten: er war bei ihnen geblieben und er kam immer wieder.

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Cite: GA 148/1913-12-17/p016 · edition original