Erster Vortrag

GA 148/1913-12-17/p042 ·1913-12-17 · original (original)
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Alles das hörte dieser verzweifelte Mensch wie gesprochen von der Erscheinung des Jesus von Nazareth, die eben herankam. Durch diese Worte fühlte sich der Verzweifelte getrieben, das Folgende zu sagen. Auf der einen Seite fühlte er das Bedürfnis seiner Seele, sich auszusprechen, auf der anderen Seite selbst seines Schicksals Antwort zu finden: Ich habe es in meinem Leben zu hohen Würden gebracht. Ich lernte immer; durch das Gelernte stieg ich unter meinen Mitmenschen zu immer höheren und höheren Würden. Jede Würde hat mich stolzer gemacht und oft sagte ich mir: Was bist du doch für ein seltener Mensch, so glänzend emporzusteigen über deine Nebenmenschen! Ich fühlte den Wert meiner Seele, die mehr wert sein mußte als die Seele anderer Menschen. Mein Hochmut stieg bei jeder neuen Würde. Da hatte ich einmal einen Traum. Ach, was war das für ein furchtbarer Traum! Nicht nur, daß ich träumte, sondern indem ich träumte, war meine Seele ausgefüllt von Schamgefühl. Denn ich schämte mich, so etwas zu träumen. Ich war in meinem Leben so stolz! Und jetzt träumte ich so etwas, was ich nie hätte träumen mögen, und das kam mir im Traum gut vor. Ich träumte, ich stellte mir die Frage: Wer hat mich groß gemacht? Und da stand ein Wesen vor mir, das sagte: Ich habe dich groß gemacht, ich habe dich erhöht, doch dafür bist du mein! — Das war, was ich als tiefste Schande fühlte, daß ich jetzt die Offenbarung erhielt, ich wäre nicht eine Seele, die auserlesen war, die durch eigene Kraft gestiegen war; eine andere Wesenheit hatte mich erhöht. Im Traume ergriff ich die Flucht. Ich habe, als ich erwachte, wirklich die Flucht ergriffen, habe alle meine Würden verlassen. Ich wußte nicht, was ich suchte, und so wandele ich, vor mir und vor dem, was ich erreicht habe, entflichend, lange schon in der Welt herum, mich schämend alles dessen, was ich einst im Hochmut gedacht habe.

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Cite: GA 148/1913-12-17/p042 · edition original