{"corpus":"steiner","locus":"GA 148/1913-12-17/p045","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Durch diese Worte wurde der Aussätzige bestimmt, zu sprechen; wiederum in einer ähnlichen Weise, wie vorher der Verzweifelnde bestimmt worden war, zu sprechen. Der Aussätzige sagte: Ich weiß nicht, wie ich zu der Krankheit komme; sie trat allmählich an mich heran. Und die Menschen duldeten mich nicht mehr unter sich. Ich mußte in die Einöde wandern, konnte kaum vor den Türen das erbetteln, was die Leute mir hinwarfen. Da kam ich eines Nachts in die Nähe eines dichten Waldes. Da sah ich wie aus einer Lichtung mir entgegenkommend einen Baum, der, von selbst leuchtend, zu mir hinblinkte. Ich hatte den Drang, dem Baum, der so leuchtend mir entgegenblinkte, näherzutreten. Der Baum zog mich an. Und als ich in die Nähe des Baumes kam, da trat wie aus dem Licht des Baumes auf mich los ein Gerippe. Ich wußte: Der Tod ist es, der in dieser Form vor mir steht. Und der Tod sagte zu mir: Ich bin du; ich zehre an dir. Fürchte dich nicht! — Aber das Gerippe sprach weiter: Warum fürchtest du dich? Hast du mich nicht einst geliebt durch viele Leben hindurch? Nur wußtest du es nicht, daß du mich liebtest, denn ich war dir erschienen als ein schöner Erzengel; den glaubtest du zu lieben. - Und dann stand nicht der Tod vor mir, sondern der Erzengel, den ich oft gesehen hatte, und von dem ich wußte: Das war das Bild, das ich geliebt hatte. Dann war er verschwunden. Ich aber erwachte erst am nächsten Morgen, an dem Baume liegend, und fand mich so, daß ich noch elender war als vorher. Und ich wußte, daß alles das, was ich an Lebensgenüssen geliebt hatte, was an Eigenliebe in mir lebte, daß alles das zusammenhängt mit dem Wesen, das mir als Tod und als Erzengel erschienen war, das behauptete, ich liebte es, und ich wäre es selbst. Jetzt stehe ich vor dir, von dem ich nicht weiß, wer er ist. — Und jetzt erschien wiederum der Erzengel und dann auch der Tod und stellte sich zwischen den Aussätzigen und Jesus von Nazareth und verdeckte dem Blick des Aussätzigen den Jesus von Nazareth. Als der Aussätzige nur den Erzengel sah, verschwand Jesus, und dann verschwand auch der Tod und der Erzengel. Und der Aussätzige mußte weitergehen und sah nur, wie schon weiter fortgeschritten, den Jesus von Nazareth.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Erster Vortrag","site_heading":null,"date":"1913-12-17","location":null,"word_count":387,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/148/1913-12-17/p045","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/148/1913-12-17/p045"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/148/1913-12-17/p045"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}