Dritter Vortrag
Und der Gott der Musen, vor allen Dingen der Gott des Gesanges und der musikalischen Kunst, ist Apollo. Warum ist er dies? Weil er durch das, was im Gesang, was im Saitenspiel waltet, in Ordnung bringt die sonst ins Unordentliche gehende Zusammenwirkung von Denken, Fühlen und Wollen. Wir müssen nur immer festhalten, daß dies bei Apollo eine Projektion dessen ist, was am Ende der atlantischen Zeit geschehen ist. Da hat tatsächlich noch aus geistigen Höhen etwas hereingewirkt in die menschliche Seele, was im schwachen Nachhall erklang in der musischen Kunst, die die Griechen pflegten unter dem Schutze des Gottes Apollo. Es war den Griechen bewußt, daß ihre musikalische Kunst gleichsam der irdische Abglanz jener alten Kunst war, welche in himmlischen Höhen zur Harmonisierung von Denken, Fühlen und Wollen das Engelwesen pflegte, das von dem Christus durchsetzt war. Sie haben es nicht so ausgesprochen; nur in ihren Mysterien war es bekannt, um was es sich dabei handelte. In den apollinischen Mysterien der Griechen wurde gesagt: Ein hohes Götterwesen hatte einstmals ein Wesen aus der Hierarchie der Angeloi durchsetzt. Das hat Harmonie gebracht in das Denken, Fühlen und Wollen, und ein Abglanz davon ist die musische Kunst, insbesondere die apollinische Kunst, jene Kunst zum Beispiel des Musikalischen, welche im Saitenklange sich ergießt. Nicht als apollinisch sah man dasjenige an, was etwa durch Pfeifen oder durch Blasinstrumente zutage trat. Das, was weniger als die Blasinstrumente an die Elemente appelliert, was sozusagen am meisten nur Menschheitshandhabung nötig macht, kurz, was in den Saiten Apollos erklingt, dem schreiben die Griechen jene musische Wirkung zu, die das Gemüt in Harmonie versetzt. Und von Menschen, welche nicht Hinneigung haben, nicht Schätzung genug haben für diese musische Kunst des Apollo, von denen sagten die Griechen, im Bewußtsein alles dessen, was wir auseinandergesetzt haben, daß sie in der Tat am äußeren Leibe ein Merkmal zeigen für ihre Stumpfheit gegenüber dem apollinischen Prinzip; sie zeigen am äußeren Leibe gewissermaßen, wie sie zurückgeblieben sind atavistisch auf einer früheren Stufe. Merkwürdig ist, daß, als ein Mann mit besonders verlängerten Ohren geboren wurde — es war das der König Midas —, die Griechen gesagt haben: Der hat Eselsohren mit auf die Welt bekommen, weil er, bevor er zur Welt gekommen ist, nicht in der richtigen Weise sich den Wirkungen hingegeben hat, die einstmals in die Welt gekommen sind durch jenes engelartige Wesen, das von Christus durchsetzt war. Deshalb, sagten sie, habe er Eselsohren, und das habe bewirkt, daß er die Blasinstrumente den Saiteninstrumenten vorziehe. Und als einmal ein Kind geboren wurde, das sozusagen keine Haut hatte, das ohne Haut geboren wurde — es ist in der Mythologie bekannt geworden unter dem Namen des geschundenen Marsyas —, da sagten sie: Das ist, weil er vor seiner Geburt nicht hingehört hat auf das, was von dem engelartigen Wesen ausging. So stellt sich das nämlich für die okkulte Beobachtung heraus. Der Marsyas ist für die okkulte Beobachtung nicht erst am lebendigen Leib geschunden worden, sondern er wurde so geboren. Das, was er verbrochen hat, hat er verbrochen vor seiner Geburt.
Cite:
GA 149/1913-12-30/p024 · edition original