{"corpus":"steiner","locus":"GA 150/1913-06-08/p006","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Was ist Geist, was ist Natur? — Daran ist kein Zweifel für unser gewöhnliches Empfinden, daß wir der Natur gegenübertreten, wenn wir im Frühling aus der Erde aufsprießen sehen die Pflanzen, wenn wir sie sich entfalten sehen. Da sehen wir das Weben und Leben der Natur. Ebensowenig ist ein Zweifel daran, daß wir mit einem gewissen Recht von der Natur reden, wenn im Winter die Schneeflocken die Erde bedecken. Das sind beides Naturwirkungen. Aber haben wir damit in ganz berechtigter Weise uns beteiligt an dem, was sich um uns herum ausbreiter? Man stelle sich einmal vor: Wesenheiten könnten denken, die viel kleiner sind als wir, so klein, daß für sie unsere Nägel oder unsere Haare so groß wären wie für uns die Bäume, so würden diese Wesenheiten die Haare unseres Hauptes so beschreiben, wie wir die Pflanzen, die aus der Erde kommen. Wir Menschen aber beschreiben nicht die einzelnen Haare oder das Haupt des Menschen als einen Boden, auf dem sich die einzelnen Haare erheben, denn wir wissen, daß wir ein Haar nicht als eine Einzelwesenheit in der Natur finden können; sie sind nur möglich auf einem anderen Wesen. Nur wer durch seine Kleinheit die Haare nicht in ihrer Gesamtheit überschauen kann, könnte ein Haar für sich beschreiben. Eine solche Wesenheit könnte vielleicht sehr wohl unterscheiden zwischen den verschiedenen Haaren. Je nach der Stelle am Kopfe, wo sie wachsen, könnte sie sie in Klassen und Ordnungen bringen: eine Klasse linke Schläfehaare, eine Klasse rechte Schläfehaare; eine Klasse linke Stirnhaare, eine Klasse rechte Stirnhaare; man könnte ihnen später Namen geben, die sie weiter unterscheiden. So könnte es eine Haarwissenschaft für solche kleine Wesenheiten geben. Für andere Wesen gibt es, mit gewissem Recht, eine solche Wissenschaft: es ist die Botanik. Während in der Tat die Erde als Ganzes betrachtet die einzelnen Pflanzen hervorbringt wie unser Kopf die Haare, während die einzelnen Pflanzen zur Erde gehören und nicht als besondere Gattung bestehen, werden in der Botanik die Pflanzen klassifiziert und beschrieben, ohne Rücksicht darauf, daß diese Pflanzenwelt eine zur Erde gehörende Einheit bildet, ebenso wie unsere Haare eine Einheit bilden mit unserem Organismus. Für die Natur oder die Welt ist es sehr gleichgültig, daß der Mensch sich eine Botanik macht, wie eine Haarwissenschaft von einem denkenden kleinen Wesen für den Menschen gleichgültig sein würde.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"VI. Natur und Geist im Lichte geisteswissenschaftlicher Erkenntnis","site_heading":null,"date":"1913-06-08","location":null,"word_count":381,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/150/1913-06-08/p006","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/150/1913-06-08/p006"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/150/1913-06-08/p006","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}